Subkultur

„Wir haben dadurch Kontakt in andere Städte bekommen, das hat sehr gut getan, dass es Leute gab, mit denen man auf einer Wellenlänge war.“
– Anton

Kannst du noch weitere spezifische Vorfälle schildern, die du erlebt hast?

Ich fange mit dem Positiven an: Es hat sich dann bei uns vor Ort relativ schnell eine Clique herausgebildet, ein größerer Kreis von Leuten, die sich dann immer in der Stadt getroffen hat. Die haben dann immer in der Stadt rumgehangen, in der Fußgängerzone oder an den verschiedenen Orten. Es gab einen harten Kern, der dann die Antifa war. Die, die nicht aktiv in der Antifa mitgemacht haben, aber zum Umfeld gehörten, waren dann sehr stark aus der Punk-Szene inspiriert. Wir haben dann relativ viel in der Richtung gemacht: Wir haben Punk-Konzerte organisiert, wo viele Leute kamen, viele auch von außerhalb, wir haben das Zentralorgan der Antifa gegründet, den „Rattenfänger“, der dann aber sehr schnell zu einem Punk-Fanzine wurde. Wir haben dadurch Kontakt in andere Städte bekommen, das hat sehr gut getan, dass es Leute gab, mit denen man auf einer Wellenlänge war.

„Wir haben es dann relativ schnell geschafft, dass die Nazis nicht mehr tagsüber in der Stadt rumgelaufen sind, sondern dass wir in der Stadt waren. Ich würde sagen, dass das schon so etwas wie ein politischer Erfolg von uns war, dass wir sie aus der städtischen Öffentlichkeit rausdrängen konnten.“
– Anton

Kannst du beschreiben, wie du zu der Zeit ausgesehen hast?

Ich hatte meistens lange Haare und habe mir irgendwann aus Spaß auch mal Dreadlocks machen lassen, die aber so schlecht waren, dass sie dann irgendwann aufgegangen sind. Meine ganzen Haare waren dann kaputt, ich habe sie mir dann komplett abgeschoren und hatte dann so eine zwei Millimeter Frisur. Das war ganz witzig, weil ich plötzlich von Leuten gefragt wurde, ob ich jetzt ein Nazi sei. Obwohl ich eine Jacke mit Aufnähern gegen Nazis hatte. Ich habe von der Frisur her nie Punk-mäßig ausgesehen, aber ich habe immer Lederjacke, Doc Martens und Punk T-Shirts getragen.

Hatte diese Bedrohung durch Rechte einen Einfluss auf dein Verhalten in irgendeiner Form? Also zum Beispiel, dass du zu irgendwelchen Zeiten irgendwo nicht mehr hingefahren bist, weil du Angst hattest, dass da Nazis sind, dass du deine Meinung nicht gesagt hast, weil du Angst hattest, dass die dich als Links erkennen, dass du deine Kleidung angepasst hast, dass du nicht zu sehr auffällst oder dass du irgendwie Orte komplett gemieden hast?

Das Einzige, woran ich mich erinnern kann war, dass ich einmal abends auf meine Mutter gewartet habe, die mich abholen wollte. Dann ist plötzlich irgendeine Nazitruppe durch die Stadt gelaufen. Ich stand da, habe abgewartet und mich dann versteckt, damit die mich nicht sehen. Ich habe dann gehofft, dass meine Mutter schnell kommt. Also man war schon so ein bisschen vorsichtig, wenn man alleine im Dunkeln unterwegs war.

Aber sonst bin ich immer mit Punk T-Shirts rumgelaufen und hab da nichts dran geändert. Und es gab auch sichere Orte. Es gab zum Beispiel eine Kneipe, wo man hingehen konnte, ohne dass man etwas konsumieren musste. Da sind wir gerade im Winter, wenn es kalt war, oft hingegangen. Und da sind keine Nazis reingekommen.

Wo habt ihr euch sonst getroffen?

Wir haben uns in der Stadt getroffen, auf der Straße und so. Es gab z. B. einen Platz, aber wir haben uns auch ganz klassisch vorm Discounter getroffen. Das war wie man sich das bei Punks so vorstellt, mit Kassettenrekorder und Dosenbier.

Und vor dem Discounter habt ihr aber nie Probleme gekriegt oder sind da jemals Rechte aufgetaucht?

Ne, da hatten wir eigentlich wirklich nie Probleme. Wir haben es dann relativ schnell geschafft, dass die Nazis nicht mehr tagsüber in der Stadt rumgelaufen sind, sondern dass wir in der Stadt waren. Ich würde sagen, dass das schon so etwas wie ein politischer Erfolg von uns war, dass wir sie aus der städtischen Öffentlichkeit rausdrängen konnten. Es war schon so, dass Einzelne durchgelaufen sind, weil sie z. B. einkaufen oder sonst wie unterwegs waren. Aber sie haben sich nicht in der Stadt getroffen, das war sozusagen unser Revier. In der Stadt konnten wir tagsüber vollkommen ungefährdet rumlaufen – auch alleine.

„Bündnispartner hatten wir dann ja überregional mit anderen Antifa-Gruppen.“
– Anton

Das heißt, ihr habt euch in der Bedrohungslage informell organisiert? Wärt ihr jemals auf die Idee gekommen, für Hilfe zur Polizei zu gehen?

Auf die Idee bin ich nie gekommen, nein. Als es mehrfach Drohungen gab, haben wir eher die Antifa-Kontakte aus Trier angerufen. Dann kamen Leute von da. Wir hatten auch, das habe ich noch gar nicht erzählt, Kontakte zu türkischen und kurdischen Jugendlichen. Man kannte sich halt so und wir waren alle Feindbild der Nazis, so dass man sich immer mal wieder verbündet hat. Gerade bei Schlägereien waren die türkischen und kurdischen Kids deutlich fitter als wir. Es war alles sehr klischeehaft: Die Nazis waren so dicke biertrinkende Typen. Wir Punks waren eher so die hageren, auch biertrinkenden, aber absolut unsportlichen Leute. Und viele von den türkisch-kurdischen Kids haben Kampfsport gemacht, waren total sportlich und haben keinen Alkohol getrunken – das war dann bei Auseinandersetzungen sehr hilfreich. Wir haben mit denen auch versucht zusammen zu feiern und so, aber da gab es dann kulturelle Unterschiede. Gar nicht mal Richtung deutsche Kultur und türkisch-kurdische Kultur, eher Punk-Kultur gegen Hip-Hop-Kultur. Die haben alle Hip-Hop gehört und waren nicht so für Dosenbier. Die Partys waren dann ein bisschen bemüht. Aber es gab schon ein paar Leute, die mit denen mehr zu tun hatten. Aber in Bedrohungslagen haben wir dann schon immer zusammengestanden.

War jemand aus der kurdisch-türkischen Gruppe in der Antifa aktiv?

Nein, es gab zwar einen, der zu unserem direkten Umfeld gehörte, der uns z. B. ein paar Mal zu Antifa-Treffen gefahren hat, weil er ein eigenes Auto hatte. Auf den Treffen war er dann ein bisschen gelangweilt. Die anderen hat das nicht so interessiert. Es war eher so, dass die da waren, wenn es Stress gab. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, wie unsere Antifa ausgerichtet war, sie war eher subkulturell in der Punk-Szene verankert, damit konnten die gar nichts anfangen. Das war vielleicht ein bisschen ausschließend, in dem Sinne, dass wir nicht verschiedene Milieus umschlossen haben, sondern dass es doch sehr, sehr auf diese Punk-Subkultur ausgerichtet war.

Hat dir von irgendwem damals Unterstützung gefehlt? Also hast du z. B. gedacht, die Schule müsste sich doch jetzt kümmern oder meine Eltern müssten sich doch jetzt kümmern oder die Polizei müsste sich doch jetzt kümmern? Oder hast darüber gar nicht nachgedacht?

Wir hatten das Bewusstsein gar nicht, dass wir von irgendwo Unterstützung herbekommen müssten. Ganz am Ende der Zeit, bevor ich weggezogen bin, habe ich dann schon mitgekriegt, dass es in Wittlich auch noch andere Leute gab, die was gemacht haben. Zum Beispiel gab es zum Jahrestag der Reichspogromnacht immer eine Veranstaltung. Es gibt auch die alte Synagoge, in der auch Veranstaltungen stattfinden. Das hatten wir aber nie auf dem Schirm, dadurch dass wir Schüler oder Lehrlinge waren, war das damals einfach ein ganz anderes Milieu. Das war eher so ein linksliberales Lehrer-Bildungsbürgertum, die sich da getroffen haben. Es gab keine großen Überschneidungspunkte. Nur einmal, nachdem es im Gefängnis in Wittlich eine Selbsttötung von einem Menschen in Abschiebehaft gab, wurde von einem linksliberalen Milieu eine Demonstration organisiert. Da waren wir dann auch und haben Flugblätter verteilt.  Aber wir sind nie auf die Idee gekommen, dass wir die mal ansprechen und mit denen was gemeinsam machen. Kurz bevor ich weggezogen bin, hat sich eine Grüne Jugend gegründet. Die meisten von denen kannte ich, weil die von meiner Schule waren. Da bin ich dann mal hingegangen, um zu schauen, ob wir was in Zusammenarbeit machen können. Aber ich konnte damit überhaupt nichts anfangen, weil die so bürokratisch ihr Parteiprogramm durchgegangen sind und ihre Tagesordnung abgearbeitet haben. Da war von der politischen Kultur eine große Trennung dazwischen, so dass wir eigentlich vor Ort keine Bündnispartner hatten. Aber wir haben die auch gar nicht gesucht. Bündnispartner hatten wir dann ja überregional mit anderen Antifa-Gruppen.

„Man musste das alles selber machen, was man heute gar nicht mehr muss. Heute lässt sich ja alles mit zwei Klicks finden.“
– Anton

Ich finde das mit der Subkultur ganz spannend. Kannst du noch mal beschreiben, welche Bedeutung die Subkultur in dem Kontext hatte?

Für uns war das extrem wichtig. Wir sind am Wochenende immer auf Punk-Konzerte gefahren[S1] , wir haben die ganze Zeit, wenn wir in der Fußgängerzone saßen, mit einem Kassettenrekorder Punk gehört und das war unser Lebensgefühl. Da hat Punk eine ganz große Rolle gespielt, weil es eben auch eine antifaschistische Subkultur war. Die Inhalte kamen mit den Liedtexten. Einer der wichtigsten und positivste Aspekte der Punk-Bewegung ist DIY (Do it yourself), dass man alles selber macht. Wir haben die Konzerte selber organisiert, es sind Bands aus unseren Kreisen entstanden, wir haben Fanzines gemacht usw. Wir haben alles selber gemacht. Das gehört auch zu diesem 90er Gefühl: Es gab noch kein Internet, man musste zu den Konzerten der Bands fahren und hat sie da erst gehört. Man hat diese Fanzines gelesen, die dann vor Ort verkauft wurden. So hat man überhaupt von den anderen Sachen mitbekommen. Man musste das alles selber machen, was man heute gar nicht mehr muss. Heute lässt sich ja alles mit zwei Klicks finden. Man kann sich Konzerte im Internet anschauen, man braucht gar nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Also von daher hat sich schon viel geändert und für uns war Punk als Subkultur damals zentral. Für mich vielleicht nicht so sehr, ich war immer eher die Politfraktion in der Gruppe, aber bei uns gab es auch Leute, die sich wahrscheinlich in erster Linie als Punks definiert haben und in zweiter Linie dann als Antifaschisten.

„Der DIY-Gedanke hat immer dazu gehört.“
– „Arthur“

Bevor wir in die Reflexion gehen, noch die Frage: Fehlt noch etwas von damals, was Du noch erzählen möchtest?

Vielleicht ein Stück das Thema subkulturelle Perspektive. Ich komme aus einer Szene, die von Hausbesetzungen, linken Kulturzentren, Punkkultur und auch Hippietum geprägt war. Es war eine ganz wilde Mischung und mir war immer wichtig, dass man seinen Spaß dabeihaben kann. Das ist auch notwendig.

Der DIY-Gedanke hat immer dazu gehört. Egal, wo du anlandest, es gibt immer Raum selbst was zu bewegen, zum Beispiel in Kulturvereinen, beim Organisieren von Konzerten, Partys und Festen.

Welche 3 politischen Bands würdest Du jungen linken Leuten empfehlen?

Also da müsste ich eigentlich länger drüber nachdenken. Spontan fällt mir The Ex ein, von denen habe ich mir gerade die neue Platte geholt. Das ist eine holländische Punkband, die gibt’s schon seit Ende der 70er. Die haben in den 80ern in Deutschland und Holland immer in autonomen Zentren gespielt. Die waren auch immer politisch.

Aber man muss nicht immer auf Veteranen zurückgreifen, es gibt auch heute gute Bands mit Anspruch und Power, z. B. Bob Vylan aus England , Kneecap und Lankum aus Irland bzw. Nordirland. Übrigens alles Bands, die in Deutschland nicht mehr auftreten durften, da sie eine palästinasolidarische Haltung an den Tag legten.

„Mich haben sie immer Öko-Punk genannt.“
– „Irene“

Der Lifestyle hat dich angezogen, hast du gesagt. Das war jetzt schon ganz oft Thema, dass die Leute gesagt haben, das war eine Subkultur, das war ein Lifestyle. Und diese Kultur war in sich antifaschistisch. Diese Kultur hatte natürlich auch weitere Aspekte. Kannst du den Lifestyle und wie die Leute aussahen beschreiben? Wie man aussah hat ja vielfach auch zu Übergriffen geführt.

Ja, also eine Freundin hatte teilweise abrasierte Haare, einen Nasenring – den habe ich mir dann auch bald stechen lassen – und mehrere Ohrlöcher, eine Lederjacke und bunte Klamotten, ein bisschen rebellisch eben. Die Freundin hatte dann irgendwann auch eine Mercedes-Stern-Kollektion an ihrer Lederjacke. Das habe ich nie gemacht. Ich fühlte mich irgendwie immer ein bisschen zu brav. Aber dieses Bedürfnis, irgendwas kaputt zu machen, existiert bei mir einfach nicht, da empfand ich noch nie die geringste Befriedigung bei. Ich war einmal dabei, als sie einen Stern abbrach. Das war so ein bisschen aufregend und spannend; es selber zu machen hat mich aber nie interessiert. Ich fand es auch nicht moralisch verwerflich, es war eine Sachbeschädigung in einem Rahmen, wo ich dachte, das trifft jetzt keine Leute, die einen wirklichen Schaden hätten. Ich dachte: „Wer darauf Wert legt, sich jedes Mal den Mercedes-Stern zu erneuern, wenn er abgebrochen wird, der ist selbst dran schuld. Wer auf solche Statussymbole Wert legt, kann es dann auch bezahlen.“ Das war mein Zugang dazu. Deswegen fand ich das weder verwerflich noch so toll, dass ich es hätte nachahmen müssen. Die Punker-Szene, die gab es natürlich auch, die hat mich auch nie wirklich interessiert, weil mir das zu destruktiv und zu stark auf einen Lifestyle begrenzt war.

Ich fand es einfach spannend, sich so anzuziehen, wie man Bock hat. Mich haben sie immer Öko-Punk genannt. Oder was heißt immer? Also ein-, zweimal wurde mir das auf dem Schulhof nachgerufen, weil ich nicht so richtig einzuordnen war. Ich war teilweise Hippie und teilweise punkig, ich habe mir halt mal die Haare gefärbt oder so. Ich habe mir mal irgendwelche Zöpfe ins Haar geflochten, Federn und Bleistifte reingeknüpft und Batik-Klamotten an. Das hat mir gefallen. Ich war aber dadurch nicht in einer speziellen Gruppe und hatte auch nie das Gefühl deswegen irgendwie ausgegrenzt zu werden oder so. Die Gruppe, in der ich dann politisch aktiv wurde, hat sich tatsächlich auch nicht über einen Lifestyle definiert. Es war weder ein autonomer Haufen, die sich immer schwarz anziehen müssen, noch brauchte man einen Iro als Eintrittskarte oder einen Schlips. Es gab keine ungeschriebenen Kleidungsregeln oder so.

„Später im Kulturzentrum haben sich dann alle bunten Vögel gesammelt.“
– Sebastian

Kannst du beschreiben, wie du und deine Freunde ausgesehen habt?

In der Schule war ich einer der wenigen, die Richtung Punk gingen – erst bunte, dann kurze Haare. In meiner Klassen gab es wenig Subkultur, da war ich der bunte Vogel. Später im Kulturzentrum haben sich dann alle bunten Vögel gesammelt. Da waren wir dann nicht mehr vereinzelt, sondern da gab es dann Konzerte, es gab es eine Konzertgruppe und so weiter. Ich habe damals Hardcore und Punk gehört. Später dann Oi! & Ska.

Hattest du auch einen Militärrucksack, wo die die Deutschlandfahne abgemacht hast?

Ich hatte einen schwarzen Bundeswehrrucksack, ich wollte diesen grünen Military-Look nicht. Und ich hatte Dr. Martens mit roten Schnürsenkeln. Das war oft ein Anlass für Sprüche.

Wahrscheinlich auch Aufnäher?

Ja, später auch Aufnäher.

War das linke Kulturzentrum ein sicherer Ort oder wurde es manchmal von Nazis überfallen?

So richtig überfallen nicht, das haben sie sich nicht getraut. Aber in den 80ern gab es einen schlimmen Überfall auf das Kulturzentrum. Leute, die nach einer Party dort geschlafen haben, wurden nachts von Nazis angegriffen.“ Sie wussten sich nicht anders zu helfen und holten die Hells Angels zur Hilfe. Die haben die Nazis wohl ziemlich brutal weggeprügelt. Danach war jahrelang Ruhe.

Das ist ja eine spannende Connection…

Irgendjemand kannte in Frankfurt die Rocker und die haben das dann mal geklärt. Danach gab es keine großen Angriffe mehr.  Immer mal wieder testeten Einzelne aus, was geht, oder provozierten. Man musste schauen, wer da hinkommt. Wenn Rechte kamen, musste man ihnen sagen, dass sie nicht erwünscht sind. Dabei ist auch schon mal einer ausgerastet, aber insgesamt war das handlebar – es war ein sicherer Ort.

Es war auch kein linkes Kulturzentrum, sondern ein Ort, wo sich auch alternative Jugendliche treffen konnten. Dieser entstand, weil es kein Jugendzentrum gab, wo Jugendliche Musik machen konnten. Ein reicher Industrieller stellte ein ehemaliges Industriegelände zur Verfügung. Er war in der FDP – dieser Spirit „Wir brauchen nicht viel Staat, wir machen alles selbst“ war vielleicht das Verbindende zu den alternativen Jugendlichen. Das Kulturzentrum funktionierte komplett ohne staatliches Geld und Sozialarbeit, alles selbstverwaltet. Es gibt bis heute Proberäume für Bands, Konzertmöglichkeiten, eine Theaterschule – richtig groß. Den Verein gibt es noch immer, völlig unabhängig von staatlicher Förderung. Der Industrielle verpachtete das Gelände für 99 Jahre an den Verein, glaube ich für eine D-Mark. Für die nächsten 60 Jahre ist es gesichert

Was für eine tolle und nachhaltige Idee…

Die Idee hatte wohl seine Frau. Sie hat gesehen, dass die Nachbarskinder mit ihrer Band in der Gartenhütte probten und fragte, ob es keinen anderen Ort gäbe. So kamen sie darauf, dass es für Jugendliche damals keine Räume gab.

„Wenn du selber immer schauen musst, wie kommen wir hier mit unserem Bandbus wieder weg, dann prägt das wahrscheinlich auch die Inhalte deiner Lieder.“
– Sebastian

Bist Du dann zum Studium weggezogen?

Ich fing kurz an zu studieren, das war damals nichts für mich. Dann jobbte ich erstmal einige Jahre. Ich fing an im Kulturzentrum Konzerte zu organisieren.

Wie haben sich dann in der neuen Situation die Berührungspunkte mit den Rechten verändert?

Es war immer ein Riesenthema, bei Veranstaltungen dafür zu sorgen, dass sich alle sicher fühlen. Rechte waren ein Thema, Alkohol und Drogen ein genauso großes. Mir machte es Spaß, in der Konzertgruppe zu überlegen: Wie gestalten wir den Raum sicher für alle? Ich hielt mich oft im Eingangsbereich auf, kümmerte mich um die Kasse und übernahm organisatorische Aufgaben. Ein Thema war immer: Wie gehen wir mit Rechten um, wie kriegen wir sie raus, ohne dass es eskaliert? Wir gewannen viele Erfahrungen und unterstützten andere, die Konzerte auf Dörfern organisierten. Wir tauschten uns aus, wie man das sicher macht, bauten ein kleines Netzwerk auf.

Wie haben andere davon erfahren? Damals war das Internet ja noch nicht so verbreitet.

Wir sahen uns alle auf denselben Konzerten. Besonders im Westerwald gab es viele kleine alternative Festivals – von sehr politisch bis unpolitisch. Alle hatten dieselben Probleme: Wie geht man mit Nazis um, falls sie kommen? Einige organisierten professionelle Security ab einer bestimmten Größe, andere machten es selbst. In Jugendzentren war das anders – da waren die Leute vom Jugendzentrum mit dabei und mitverantwortlich. Ein breites Spektrum: Von „Du musst alles selbst machen, rechne nicht mit Hilfe“ bis „Wir machen ein 500-Leute-Festival und leisten uns Security“. Man musste nur aufpassen, eine Firma ohne Nazis zu nehmen – ein echtes Problem.“

Was waren die Kernpunkte von eurem Security-Konzept, was hat sich bewährt?  

Im Eingangsbereich direkt alles klären. Waren die Leute erst drin und hatten getrunken, war es schwer, sie rauszukriegen. Wir nahmen bewusst eine kleine Tür statt einer großen – dadurch hattest du Zeit zu reagieren und konntest sagen: Wir müssen mal reden, ihr könnt noch nicht rein. Du gestaltest den Eingang und damit das, was sich im Raum abspielt.

Heißt das, dass am Eingang immer schon fünf Leute sein mussten?

Nein, aber mindestens zwei. Eigentlich drei, damit eine Person die Kasse nimmt und Hilfe holt und die andere Person nicht alleine ist. Zwei war immer ein bisschen dünn.

Und die Gruppen konnte man gut erkennen oder die Einzelpersonen? Oder musste man mit denen ein bisschen ins Gespräch kommen?

Gruppen erkennst du, weil du die Absichten rauslesen kannst – ob Leute Spaß haben wollen oder aggressiv sind. Bei Gruppen erkennst du relativ einfach die Stimmung. Bei Einzelpersonen ist das schwerer.

Schwierig war es, wenn Cliquen einen rechten Typen im Anhang hatten. Da gab es schwierige Diskussionen: „Wieso soll der nicht rein? Der macht doch nichts. Was ist mit dem  T-Shirt?“ Das waren die nervigen Diskussionen. Am einfachsten war es, wenn drei Rechte kamen, die sich verlaufen hatten – dann: „Leute, hier nicht, da hinten geht es vom Gelände.

Würdest Du sagen, dass eure Konzerte politisch waren?

Wir waren eine gemischte Konzertgruppe mit verschiedenen Musikstilen. Manchmal organisierten wir Konzerte mit unpolitischen Metalbands, manchmal mit sehr politischen Punk- und Hardcore-Bands. .

Das war dann einfach dein Ehrenamt für zehn Jahre?

Ja, ich machte in der Konzertgruppe mit bis ich 30 war.

Das heißt, du hast auch zehn Jahre Erfahrung in selbstverwalteten Strukturen gesammelt?

Ja, knapp zehn Jahre aktiv.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, was hat sich in der Zeit geändert?

Es gab eine Professionalisierung der alternativen Musikkultur. Wir machten nicht mit, weil wir keinen Bock darauf hatten. Wir hatten den Luxus, keine Räume mieten zu müssen – unser eigenes Zentrum, nur Unkosten und Reparaturen.

Eine kleine Festivallandschaft entstand – Leute organisierten kleine alternative Festivals vor Ort. Anfangs sehr DIY und selbstorganisiert, später orientiert an professionellen Festivals. Die komplett selbstorganisierten Sachen sind weniger geworden und die semi-professionell organisierten Sachen sind mehr geworden. Eine Ausdifferenzierung, Professionalisierung fand statt. Es wurde auch unpolitischer. Die Bands, die nachkamen, sammelten Erfahrungen in Räumen, wo Securities für Sicherheit sorgten – sie mussten das nicht selbst machen. Das verlagert den Schwerpunkt.  Wenn du selber immer schauen musst, wie kommen wir hier mit unserem Bandbus wieder weg, dann prägt das wahrscheinlich auch die Inhalte deiner Lieder.

„Für uns hatte Skinhead-Sein sehr viel mit der sozialen Herkunft zu tun.“
– Vasili

Dadurch, dass du migrantisch gelesen warst, war ja eh klar, dass du im Fokus stehst bei den Nazis. Hast du zusätzlich noch einen typischen Antifa-Style gehabt?

Nein, das eigentlich nicht. Aber tatsächlich war ich auch Teil einer jugendlichen Subkultur, nämlich Skinheads.

Witzigerweise war für die Leute, mit denen ich unterwegs war, irgendwie klar, dass diese Nazi-Skins, dass das keine Skinheads waren. Für uns hatte Skinhead-Sein sehr viel mit der sozialen Herkunft zu tun. Skinheads waren Arbeiter*innenkinder und Arbeiter*innen, die selbst entweder eine Ausbildung gemacht haben oder im gewerblichen Bereich gearbeitet haben. Man darf nicht vergessen, die Skinhead-Bewegung ist ursprünglich eine Fortführung einer jamaikanischen Bewegung von Jugendlichen in Großbritannien, also auch da haben wir sozusagen in Anführungsstrichen – also wirklich viele Anführungsstriche denken – eine „antirassistische Komponente“ mit eingewoben. Bei den Skinheads war irgendwie klar, egal wo du herkommst, wir sind eine Gruppe, wir sind gemeinsam, egal was für einen Bildungsabschluss du hast. Das fand ich ganz spannend, weil es da halt nicht zu einem Dünkel kam.

Mitte der 80er Jahre hat die extreme Rechte über Großbritannien dann angefangen, dezidiert in unpolitische Skinhead-Kreise hineinzugehen und die zu rekrutieren, sodass man dann selbst ein Abgrenzungsproblem hatte. Hier noch eine witzige Geschichte: Ich habe mal Flugblätter gegen Rechts verteilt und hatte meine Skinhead-Klamotten an. Auf dem Flugblatt war dieses Piktogramm, in dem so ein Männlein ein Hakenkreuz in den Mülleimer wirft. Ich habe das also verteilt und da kam eine Person und hat sehr laut und vehement gesagt: „Das nehme ich nicht von Ihnen an, Frechheit!“ Und ein paar Meter weiter war jemand, der lange Haare hatte und eher so ein bisschen, damals hat man gesagt, „öko“ aussah. Heute würde man sagen so ein bisschen linksgrün alternativ. Der hat das gleiche Flugblatt verteilt und die Person hat das mit großer Freude entgegengenommen. Dann läuft die Person so ein paar Schritte weiter und dann hat man so richtig die Glühbirnen über dem Kopf gesehen. Die Person dreht sich um und sagt: „Entschuldigen Sie, junger Mann, ich habe gedacht, Sie wären einer von denen.“ Das war so ganz süß.

Also ich war jetzt nicht als Antifa erkennbar, ich bin tatsächlich auch nie mit entsprechenden Insignien rumgelaufen. Als Skinheads hatten wir kurze Haare, bis auf ein oder null Millimeter rasiert und auch Bomberjacke. Wir hatten auch Doc Martens, also keine Springerstiefel, aber so Arbeitsstiefel, die mussten immer fein gewienert sein, das war uns ganz wichtig, also wirklich schnieke auszusehen. Als Antifa wäre ich also mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen nicht zu erkennen gewesen. Gerade wenn ich mit meinem Kumpel unterwegs war, waren wir viel in Wanderklamotten wandern oder sind ganz normal in Zivil rumgelaufen. Aber es war schon immer klar, dass ich als Fremdkörper beäugt wurde und wir haben auch immer drauf geachtet, um diese Kioske, wo sich Nazis versammelt haben, einen größeren Bogen zu machen und zu schauen, dass wir denen nicht so direkt über den Weg laufen.

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