rechte Akteure
„Es gab nur das „Haus der Jugend“ als Treffpunkt für Jugendliche und das war sowohl Treffpunkt der Rechten als auch unser Treffpunkt …“
– Anton
Wenn du Nazi-Skinheads sagst, kannst du die beschreiben?
Die sahen ganz klassisch so aus, wie das in den 90ern war, mit Springerstiefeln, Bomberjacken, kurzgeschorenen Haaren. Sie hatten zum Teil Aufnäher, wie „Ich bin Stolz ein Deutscher zu sein“ und solche Sachen. Also wirklich so, wie man sich das klischeemäßig vorstellt.
al: War das einfach für dich zu sehen, ob das jetzt rechte Skinheads sind oder vielleicht auch linke Skinheads? Woran hast du den Unterschied gesehen? Also gab es da noch andere Indizien, wie zum Beispiel Schnürsenkelfarbe oder Aufnäher?
Anton: Genau, man konnte rechte und nicht-rechte Skinheads anhand von Aufnähern und Schnürsenkelfarben unterscheiden. Bei weißen Schnürsenkeln war klar, dass man rechts ist. Und bei roten Schnürsenkeln war man links.
Ich finde das ganz spannend. Ich stelle mir gerade Eltern vor, die jetzt nochmal nach den alten Fotos ihrer Kinder suchen und dann gucken, was sie für Schnürsenkel hatten. Ich bin gar nicht sicher, wie sehr das außerhalb der Jugendkultur klar war, dass weiße Schnürsenkel eine rechte Einstellung zeigen. Also ich wusste das als Jugendliche auch, alle von uns wussten das, aber ich hätte jetzt nicht gewusst, ob z. B. meine Mutter das damals wusste.
Ich glaube, damals wurden Skinheads schon als komplett rechts angesehen. Wir hatten einen Skinhead, der zu unserem Umfeld gehörte und der nicht rechts war. Der musste sich schon öfter mal rechtfertigen, warum er so aussieht und wieso er Bomberjacke und Glatze trägt.
Wie bist du weiter mit Rechten in Kontakt gekommen?
Eigentlich dann erst später, als ich zur Punk-Szene gekommen bin und dann auch zur Antifa. Da hat man die Rechten dann bewusst wahrgenommen. Dadurch, dass ich in einer Kleinstadt gewohnt habe, die nur von Dörfern umgeben war, gab es nicht viel, was man abends am Wochenende so machen konnte. Es war oft so, dass wir bei Disco-Abenden waren, bei denen genauso auch die Rechten waren. Es gab nur das „Haus der Jugend“ als Treffpunkt für Jugendliche und das war sowohl Treffpunkt der Rechten als auch unser Treffpunkt – zumindest zum Teil. Es war oft so, dass im unteren Stockwerk die Nazis waren und wir im oberen. Dadurch ist man sich immer wieder über den Weg gelaufen. Bei uns auf der Schule, ich war auf dem Gymnasium, gab es dagegen gar keine Nazis. Auf anderen Schulen war das anders. Es gab noch ein zweites Gymnasium vor Ort, da gab es einzelne, aber auch nur wenige. Aber zum Beispiel auf der Hauptschule gab es richtig viele Nazis. Die Leute, die wir kannten, die auf der Hauptschule waren, hatten es deutlich schwerer als ich. Ich hatte auf der Schule gar keinen Stress mit Nazis.
„Wir haben schon sehr nach diesen Strukturen geschaut.“
– Anton
War dir das damals schon klar, dass das Strukturen sind, die da arbeiten? Also dass es nicht irgendwelche Einzelpersonen sind, die einfach rechts sind, sondern dass das z.B. Parteien und Organisationen sind?
Ja, das haben wir schon erkannt. Es gab einerseits die Propaganda, also es waren von allen gängigen Nazi-Organisationen Aufkleber zu finden. Es gab auch mal einen Infostand der NPD in der Fußgängerzone. Ich glaube, dass ich das vor meiner Zeit in der Antifa auch schon am Rande mitgekriegt habe. Und ich glaube, das war sogar der Auslöse dafür, dass die Antifa sich damals gegründet hat. Also die NPD war auf jeden Fall sichtbar, bei Wahlkämpfen waren Plakate da und die NPD ist über die Dörfer gefahren und hat Leute für Veranstaltungen eingesammelt. Die wurden mit Freibier geködert und auf den Veranstaltungen wurden dann Vorträge gehalten. Die meisten Veranstaltungen waren für sie nicht so erfolgreich, weil die Leute nur das Freibier haben wollten und dann wieder gegangen sind. Aber wenn sie dann Einzelne doch geködert haben, hat es sich schon gelohnt. Wir haben schon sehr nach diesen Strukturen geschaut. Wir haben, glaube ich, auch ganz viel nicht mitgekriegt, was an uns auch vorbeigegangen ist. Diese wirkliche Nazi-Szene hatte auch enge Kontakte zur Trierer-Nazi-Szene. Die haben sich auch getroffen und da gab es auch Vernetzungen.
„Das war Das war das erste Mal, dass die Nazis einen jugendlichen Raum dominiert haben, wo ich mich bewegt habe.“
– Sebastian
Ich würde nochmal auf die Zeit zurückkommen, als Du in die Kleinstadt gezogen bist. Bitte beschreib Deine ersten Berührungspunkte mit Rechten.
An der Schule waren bei uns nur sehr wenige Rechte, und nur eine Handvoll, die auch so ausgesehen haben. Die waren auch keine Bedrohung, die hatten bei uns an der Schule nicht viel zu melden.
An anderen Orten sah das anders aus. Es gab eine Tradition, da haben sich am letzten Schultag vor den Ferien alle getroffen und an einer Kneipe zugelötet. Da kamen dann von anderen Schulen immer einige Rechte. Und das war auf einmal eine andere Situation, eine bedrohliche Situation. Manche sind auch gar nicht mit hingekommen, weil sie Angst hatten, obwohl das tagsüber und mitten in der Innenstadt war. Ich bin dann immer irgendwann gegangen, weil mir das gereicht hat. Das war das erste Mal, dass die Nazis einen jugendlichen Raum dominiert haben, wo ich mich bewegt habe.
Ähnlich war das bei manchen Dorffesten. In manchen Dörfern waren die sehr stark.
Ich habe mich mit meinem Freundeskreis lieber an Orten bewegt, wo die Rechten nicht so stark waren.
War es auf den Kirmesfesten ein ganz normales Bild, dass Rechte da waren? Oder hat sich jemand dazu geäußert oder was dagegen getan?
Die Rechten waren mit dabei, weil es in jedem Kirmesjahrgang auch welche gab. Dadurch hatten sie immer Anknüpfungspunkte und sammelten sich irgendwann – mal mehr, mal weniger, je nach Dorf und Abend.
Waren die Rechten damals in den 90ern noch gut zu erkennen?
Ja, viele ganz klassisch. Also grauer Lonsdale Kapuzenpulli, kurze Haare, Jeans, manche auch mit Bomberjacke, dann weitere Marken wie Dobermann, manchmal Pitbull.
Hattet ihr auch noch andere, also Abstufungen von der Kultur? Gabbas zum Beispiel oder sowas?
Nein, Gabbas gab es in Koblenz. Dort gab es eine große Gabba-Szene mit etwa 100 Leuten – ein Drittel davon waren Nazis. Das war eine sehr aggressive, gewalttätige Kultur. Einige Jahre musste man am Hauptbahnhof aufpassen, nicht auf die Schnauze zu kriegen. Manchmal lief Musik der Naziband „Landser“, manchmal Gabba-Kram. Von außen konnte man Nazi-Gabbas und unpolitische Gabbas kaum unterscheiden.