Motivation

Aus den Erfahrungen hat sich dann die Erkenntnis ergeben, dass man bei dem ansetzen muss, was die Leute direkt betrifft.
– „Arthur“

Was hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Mich hat motiviert, was ich mir über Geschichte angeeignet habe. Von dem Besuch in Buchenwald über Literatur und die Auseinandersetzung mit Zeitzeugen. Meine Haltung war ganz klar „Das geht nicht, dem kann man nicht nachgeben!“ Man kann Leuten, die nicht als Deutsche gelesen werden, nicht die Schuld an allem geben, was in diesem Land schiefläuft. Mich hat also grundsätzlich ein Wissen um Geschichte und der Kern dieser Positionen (Menschenverachtung und Menschenfeindlichkeit) motiviert mich dagegen zu stellen.

Hat dich dein Engagement geprägt?

Ich habe viele Sachen ausprobiert, auch über originär antifaschistische Arbeit hinaus. Für mich ist soziales Engagement, ob mit Geflüchteten, Armutsbetroffenen, prekär Beschäftigten oder auch behinderten Menschen, auch Antifaschismus. Ich hatte schon sehr früh Kontakt zu Geflüchteten- und Erwerbslosen-Cafés. Damit bin ein Stück weit auch politisch aufgewachsen und die Sachen versuche ich weiterhin zu machen. Aus den Erfahrungen hat sich dann die Erkenntnis ergeben, dass man bei dem ansetzen muss, was die Leute direkt betrifft. Das sind eher Graswurzel-Dinge und kommunalpolitisches Engagement. Das ist für mich heute wichtiger geworden. Dass alle Menschen das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben haben und wir das gemeinsam durchsetzen können.

„Mein Antrieb ist einerseits die Wut auf das, was tagtäglich an Unrecht geschieht (…).“
– „Irene“

Was hat diese Baseballschlägerjahre für dich ausgemacht?

Tatsächlich erstmal die Empörung über diese brutale Gewalt, auch wenn ich sie nur medial vermittelt erfahren habe und im schönen Mainz nicht wirklich am eigenen Leib. Und die Empörung darüber, dass, wie so oft, die Opfer zu Tätern gemacht werden, also dass dann die rechte Nazi-Gewalt auf dem Rücken der Menschen ausgetragen wird, die in Deutschland Zuflucht suchen und als Folge nicht die Täter verfolgt und bestraft wurden, sondern das Asylrecht faktisch abgeschafft wurde.

Die Gefahr von rechts wurde in den sogenannten Baseballschlägerjahren (wie auch später) nicht ernst genommen. Das, was man im Osten immer gehört hat „Ah ja, die haben ein bisschen viel getrunken, das sind aber unsere Jungs und eigentlich sind die ja ganz nett“ ist eine ganz offene Sympathiebekundung oder ein Sich-Gemein-Machen mit dieser Gewalt. Das habe ich – genau wie die VVN-BdA – dann ziemlich schnell in der Tradition des Faschismus gelesen. Ich würde das so sehen, dass das genau die Kontinuität und die Tradition des Faschismus ist, dass man sich lieber mit widerwärtigsten Gewalttätern identifiziert, die die gleiche Nationalität haben, weswegen man meint, sie in Schutz nehmen zu müssen. Dafür nimmt man billigend in Kauf, dass vollkommen unschuldige Menschen ermordet werden. Man nimmt Brandanschläge in Kauf, d. h. Menschen abzufackeln, zu verbrennen. In Mölln und Solingen verbrannten acht Menschen, darunter auch Kinder; viele weitere erlitten schwerste Verletzungen. In Rostock gab es ganz gezielte Pogrome, da haben sogar Leute auf dem Balkon geklatscht, weil die das gut fanden. Das sind Bilder, die mich tief schockiert und geprägt haben, die ich auch nicht aus dem Kopf bekomme. Diese Bilder habe ich im Kopf, wenn heute die AfD ihre Reden hält, weil das ist das, worauf es hinauslaufen wird, da braucht man keine Zauberkugel für.

30 Jahre Engagement, sind deine Empörung und Wut das, was dich dabei hält? Oder ist es der Glaube daran, dass man was positiv verändern kann?

Es ist glaube ich eine Mischung aus vielem. Tatsächlich gibt es immer noch eine Fassungslosigkeit, eine Empörung und eine Wut über vieles, was falsch läuft. Ich habe den Eindruck, dass viele ihren christlichen oder grünen oder sozialdemokratischen „Konservativismus“ vor sich hertragen, der aber tatsächlich tief rechts ist, bzw. solche Politik der Ausgrenzung mitträgt. Ein Konservatismus, der im letzten Schritt auch die Ermordung von Menschen mitträgt. Für mich ist es auch Mord, wenn man Menschen absichtlich im Mittelmeer ertrinken lässt, wenn man Pushbacks macht oder wenn man sie im polnischen Wald erfrieren lässt. Das ist für mich eine Art von Mord, willentlich und wissentlich Menschenleben aufs Spiel zu setzen, ohne Notwendigkeit.  Schon dieses „Wir schaffen das nicht“ ist einfach ein Lügen-Narrativ. Die Bundesrepublik ist ein derart reiches Land, das Ressourcen für sehr, sehr viel hat, wenn sie ein bisschen anders eingesetzt würden. Wenn die Medien auf jeden nationalistischen Zug aufspringen, überwiegend Horrornachrichten über Schutzsuchende verbreiten, das Narrativ, dass Migration nur ein Problem sei mit stützen und Geschichten von gelungener Integration untergehen, macht mich das wütend. 

Mein Antrieb ist einerseits die Wut auf das, was tagtäglich an Unrecht geschieht, in Deutschland und weltweit. Der positive Antrieb ist, dass die Menschen zu so viel Grausamkeit in der Lage sind, aber auch so viel Geiles schaffen können, dass da so viel Potenzial ist, um zusammen was aufzubauen und nicht nur, um sich voneinander abzugrenzen oder zu urteilen.

Gerade müssten wir wirklich alle gemeinsam aktiv daran arbeiten, dass die extreme Rechte an Aufwind verliert. Leider ist es zurzeit ein reiner Abwehrkampf, also dass sie nicht noch stärker werden und im besten Fall ein bisschen schwächer. Wir können uns als Linke nicht auf diesen Minimalkonsens einigen und an einem Strang ziehen, sondern dividieren uns an verschiedenen anderen Stellen, wie beim Thema Frieden oder Antisemitismus, immer weiter auseinander. Und das ist was, was mich gerade sehr frustriert und auch umtreibt.

„Der alte Spruch „Wer schweigt, stimmt zu!“ ist immer wieder richtig.“
– „Irene“

Was in deiner Biografie denkst du, hat dein Engagement gegen Rechts begünstigt? Du hast schon gesagt, dass es diesen Schockmoment in den 90ern gab, aber du machst es seit 30 Jahren und du bist ja immer noch dabei.

Also ich glaube, ich kann einfach nicht anders. Manchmal sehne ich mich auch danach, mich auf eine einsame Insel zurückzuziehen, dann träume ich von Natur und Spaziergängen (die man ja dennoch machen kann) und will von der ganzen Welt nichts mehr wissen, weil die mich überfordert. Und so wirklich ändern kann ich die Welt auch nicht. Was kann ich jetzt zur Befriedung des Nahostkonflikts beitragen? Irgendwie nicht so viel, außer mich hier vor Ort gegen Antisemitismus und auch Rassismus zu stellen. Es gibt diesen schönen Rio Reiser-Song, der geht ungefähr so „Du sagst, du kannst die Welt nicht ändern und ich frag mich, wie machst du das nur?“, und dass schon viele Weltenverbesserer da waren, aber alles nur verschlimmbessert haben. „Und doch fragt mich jeder neue Tag, auf welcher Seite ich steh, und ich schaffs einfach nicht, einfach zuzusehn, wie alles den Berg runtergeht.“

Also man sollte sich jetzt nicht als Mittelpunkt des gesamten Universums begreifen, aber schon als Teil davon und als Teil davon verändert man das Universum auch – und man kann es in die eine oder in die andere Richtung verändern.  Der alte Spruch „Wer schweigt, stimmt zu!“ ist immer wieder richtig. Wenn man sich zurückzieht, begünstigt man die Tendenzen, die man eigentlich nicht haben möchte und die sich gegen einen selbst und gegen die Menschheit wenden. Von daher ist das meine Strategie mit all meiner Kraft, mit all meiner Energie, mich mit all meiner Lebensfreude dagegen zu werfen, solange es geht und ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, dass es irgendwann nicht mehr geht. Also so viel dafür zu tun, wie es mir möglich erscheint, und ich habe oft das Gefühl, es ist viel, viel zu wenig, man bräuchte viel mehr. Aber, das habe ich auch gelernt, manchmal muss man sich die Ruhepausen auch gönnen.

„Ich wurde durch Zeitzeugen ganz stark inspiriert.“
– „Jürgen und Mucki“

Ich habe als erstes eine kleine Icebreaker-Frage für euch: Gibt es etwas, das euch inspiriert (hat), euch politisch zu engagieren? Damals oder heute, z. B. ein Buch, ein Lied, ein Zitat, eine Person?

Mucki: Mich inspirieren auf jeden Fall Berichte von Menschen, die unter noch viel härteren Umständen, als sie es bei uns sind, für eine gerechtere, solidarische, befreite Welt kämpfen und gekämpft haben. Seien es Leute in Rojava, in Kurdistan, die da jeden Tag ihr Leben riskieren. Seien es die Frauen im KZ Ravensbrück, die da den Frauenkampftag organisiert und als Kampftag begangen haben. Solche Geschichten inspirieren mich auf jeden Fall immer sehr und geben mir auch Kraft.

Jürgen: Ich wurde durch Zeitzeugen ganz stark inspiriert. Mir ist Ludwig Baumann noch im Gedächtnis – das ist ein Wehrmachts-Deserteur – und ich habe auch andere zum Teil mehrfach gehört, z. B. Esther Bejarano. Ich fand es eindrucksvoll, dass sie ihr Leben für etwas riskiert haben. So weit ist es bei uns im Normalfall im Kampf gegen Rechts noch nicht. Das ist für mich eine Motivation, da weiterzumachen, wenn man überlegt, um was es geht.

„Was ich gemerkt habe, ist, wenn ich nicht aktiv bin, fühlt sich das oft noch schlimmer an.“
– „Jürgen und Mucki“

Gab es auch einen schwierigen Moment für dich und was hat dir geholfen weiterzumachen?

Jürgen: Es ging da auch um Blockaden, bei meinen schwierigen Momenten. Einmal hatte ich eine Kamera, wo ein Film drin war, da gab es noch nicht viele Digitalkameras. Ich habe mit dieser Kamera mehrere Polizeiübergriffe fotografiert. Und dann geriet ich ins Visier der Polizei und musste die Kamera loswerden, so dass die Fotos erhalten bleiben. Und da war ich so froh, dass jemand ohne jedes Wort verstanden hat, was gerade los ist. Ich wurde von der Polizei an eine Mauer gedrängt und da war noch jemand und dem konnte ich die Kamera übergeben, ohne drüber zu reden. Und das war schon gut, aber gleichzeitig dachte ich: „Hallo, wenn ihr meint, ihr macht alles nach Recht und Gesetz, was passiert dann jetzt gerade hier eigentlich?“ Das fand ich schon heftig.

Eine andere Geschichte fand ich aufgrund der Kommunikation interessant. Es gab eine Blockade und die Polizei hat die ganz eng mit Robocops eingerahmt. Und in der Blockade entstand die Stimmung „Das wird hier ein Kessel. Wir werden nachher alle einzeln ID-behandelt und rausgezogen.“ Ich war in der Organisationsstruktur und sprach dann die Polizei an. Die sind dann tatsächlich noch mal fünf Meter zurück und meinten „Nee, wir schützen die Blockade.“ Die hatten da so einen anderen Blick. Ich musste denen dann erklären, dass das nicht so wirkt und sie sich dann andersrum stellen müssten. Ähnlich war es, als Leute zur Blockade hin wollten. Die wurden von der Polizei quasi verfolgt und dachten, sie dürfen nicht zur Blockade. Dann bin ich da noch mal hin, um mit der Polizei zu reden. Und die sagten: „Ja, die sollen über die Ampel gehen. Wir haben die hier nicht im Griff. Die gefährden sich. Nachher gucken wir zu, wie die überfahren werden.“ Da dachte ich auch: „Boah, wie schräg ist das denn alles?“ Und ja, das fand ich ganz spannend, mitzukriegen, was an Kommunikation drumherum alles auch schiefläuft – ob das jetzt stimmt oder nicht, was die sagen.

Ist Dir bei Jürgens Erzählungen noch was eingefallen, Mucki?

Mucki: Ja, ich finde es immer wieder richtig schön, zu sehen, wie Menschen politisch aktiv werden und dann einen Raum finden, sie selbst sein zu können und da richtig krass dran wachsen. Man kriegt richtig mit, wie Leute so ein neues Selbstbewusstsein kriegen und auch einfach eine Wirkmächtigkeit. Und dass sie das Gefühl haben, dass sie selber wichtig sind und was tun können und ihre Stimme gehört wird. Das finde ich immer richtig schön, wenn Leute zum OAT kommen oder zum ersten Mal auf eine Demo gehen und sagen: „Hey, das ist so krass und die Leute sind alle so nett und man kümmert sich umeinander und es gibt Strukturen, es gibt Essen, es gibt den Ermittlungsausschuss, den man anrufen kann, und alles Mögliche.“ Das finde ich auf jeden Fall immer sehr bestärkend und sehr schön.

Was motiviert dich prinzipiell, dich gegen Rechts zu engagieren?

Mucki: Ich glaube, das ist eine recht grundsätzliche politische Haltung. Ich habe, wie gesagt, über Klimapolitik angefangen, politische Arbeit zu machen. Ganz am Anfang gab es einen Moment, wo ich gedacht habe: „Ah, das ist doch hier irgendwie ungerecht mit diesen Eisbären, dass da jetzt die Pole schmelzen und dann sterben die.“ Dann bin ich aber recht schnell zu dem Punkt gekommen, dass das auch ganz krass eine soziale Frage ist. Da kamen dann recht schnell andere Themen, die mit dranhängen, sei es feministische Politik, antifaschistische Politik, Antirassismus, Antikolonialismus. Und so ein Bewusstsein von „Hey, die Welt, wie sie ist, ist ganz schön ungerecht und ganz schön vielen Menschen geht es ganz schön schlecht, hier in Deutschland und anderswo teilweise noch mehr.“ Wir haben da auch einfach eine ganz schön große Verantwortung, wenn man sich z. B. anguckt, wo die Bundesregierung an den Pushbacks im Mittelmeer beteiligt ist, dass teilweise auf Menschen geschossen wird, dass Leute ertrinken gelassen werden, in Abschiebeknäste gesperrt werden, in irgendwelche Länder abgeschoben werden, in denen sie noch nie waren. Teilweise Leute, die jahrelang hier gelebt haben, die hier groß geworden sind. Lauter solche Sachen, wo ich mir denke, das ist verdammt ungerecht. Es geht nicht, dass wir da einfach nur zuschauen.

Gleichzeitig was man hier in Deutschland mitkriegt an Rechtsruck, dass dann Schwarze oder queere Freund*innen von mir Angst haben müssen, dass sie auf der Straße verprügelt oder beleidigt werden. Und dann ist die CDU in der Bundesregierung und macht krass antisoziale Politik mit Bürgergeldkürzungen, mit Aufrüstungen und so einer Militarisierung der Gesellschaft. Die geht dann damit einher, dass die ganze Gesellschaft autoritärer strukturiert wird, also mehr von oben herab strukturiert wird, dass Selbstbestimmung weniger zählt, dass Solidarität weniger zählt.

Jürgen, was hat dich damals motiviert und bist du bis heute aktiv? Und was motiviert dich heute, falls du aktiv bist?

Jürgen: Bei mir fing es auch eher mit kleinen Dingen an, die ich mitgekriegt habe. Es fing mit Umweltschutz an, es fing mit Abfall an und mit dem Thema Recycling, das wir in dem Arbeitskreis behandelt haben. Bei jedem Thema wurde klar, dass es um viel mehr geht. Es geht um Strukturen und irgendwann kommt man zu dem Thema – damals noch stärker – wie viel noch von Obrigkeitshörigkeit und von autoritären Ideen durchdrungen ist. Die Tatsache, dass viele alte Nazis noch an der Macht sind, noch in Strukturen sind oder die aufgebaut haben, das hat mich aufgeregt und bewegt. Ich habe mich dann auch mit meiner Familiengeschichte beschäftigt und gesehen, wie viele Kontinuitäten es gibt, die immer noch existieren. Mir war dann klar, dass ich was dagegen machen will und das hat mich motiviert, das hält im Prinzip bis heute an. Und ich glaube, diese Ungerechtigkeiten zu erkennen und was zu machen fühlt sich viel besser an, als sich nur aufzuregen und zuzugucken – es holt einen aus dieser Ohnmacht raus.

Im besten Fall macht man etwas in einer Gruppe. Ich hatte Glück, ich habe oft gute Erfahrungen in Gruppen gemacht, z. B. das man aufeinander achtet. Ich habe den Eindruck, dass das heute sogar noch stärker so ist. Heute gibt es spezielle Konzepte und Awareness-Beauftragte. Das hat gerade erst angefangen, als ich anfing, politisch zu werden. Das war am Anfang noch nicht so ausgeprägt, aber ich hatte Glück, in Gruppen zu sein, wo es schon gut praktiziert wurde. Ich bin mit Bezugsgruppen-System, Sprecher*innen-Rat und solchen Dingen groß geworden. Da wurde geguckt, dass Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern entsteht, mit Fragen und Leitsätzen wie: „Wer redet wie viel?“, „Alle sollen zu Wort kommen.“, „Ängste haben eine Berechtigung, z. B. vor Blockaden, – nicht jede*r traut sich alles“ etc.

Ich bin heute noch aktiv, aber nicht mehr direkt in einer aktivistischen Rolle gegen Rechts. Ich mache in anderen Bereichen inzwischen politische Arbeit gegen Militarisierung und gegen Atomkraft, da laufen ja immer noch Anlagen. Hier ist ein Atomkraftwerk grenznah, was noch über 40 Jahre weiterlaufen soll. Da engagiere ich mich, aber immer, wenn das Thema gegen Rechts hier in Netzwerken aktiv aufkommt, dann bin ich dabei. Das sehe ich einfach als wichtig an, da Flagge zu zeigen, Haltung zu zeigen und nicht nur bei diesen großen Demos, sondern durchaus – soweit machbar – auch bei kleineren Aktionen dabei zu sein.

Eine Frage zum Thema Motivation: Jürgen, du bist schon viele Jahre aktiv, hattest du irgendwann einen Punkt, wo du gedacht hast „Es ändert sich eh nichts, ich habe keinen Bock mehr“?

Jürgen: Nee, das kommt immer wieder, diese Verzweiflung, dass Entwicklungen trotz allem Engagement einen üblen Lauf nehmen. Also es gibt schon auch eine Gleichzeitigkeit von Entwicklungen, wo ich denke „Ah, da tut sich was, da gibt es jetzt eine neue Regelung, da wird an Minderheiten gedacht, an die man früher gar nicht gedacht hat. Da gibt es ein neues Gesetz, da gibt es eine Unterstützung.“ Und gleichzeitig gibt es dieses Rollback, reaktionäre Entwicklungen, den Aufstieg der AfD, aber auch Entwicklungen in den ganzen konservativen Milieus, die mir echt Angst machen. Ich finde, das ist ein Dauerthema, dass es wenig direkt sichtbare Erfolge gibt, wenn man in dem Bereich arbeitet, das macht es echt schwer.

Was ich gemerkt habe, ist, wenn ich nicht aktiv bin, fühlt sich das oft noch schlimmer an. Also die Ohnmächtigkeit wird durch das Aktivsein schon gemildert. Ich höre das oft und schaffe es auch manchmal selber, diese kleinen Etappen und Erfolge zu sehen und zu feiern. Und nicht dann gleich wieder das ganze Große anzugucken und zu denken „Um Gottes Willen, ich gucke nach Ungarn, Polen und die USA und was weiß ich wo, überall Rechtsruck.“ Ich gucke mir die Zerstörung der Welt, den Klimawandel an und denke „Da ist ja gar nichts zu erreichen.“ Das heißt nicht, da nicht hinzugucken, aber sich nicht davon lähmen zu lassen, finde ich wichtig.

„Und man muss nicht 10.000 Theoriebücher gelesen haben, um politisch aktiv sein zu können.“
– „Jürgen und Mucki“


Was würdet ihr Leuten raten, die jetzt gerade anfangen wollen, sich zu engagieren?

Mucki: Gut auf sich aufzupassen, sich mit anderen Leuten zu organisieren, keine Alleingänge zu machen und trotzdem auch Sachen auszuprobieren. Keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Und man muss nicht 10.000 Theoriebücher gelesen haben, um politisch aktiv sein zu können. Man lernt auch ganz, ganz viel dadurch, dass man Sachen macht und mit Leuten redet und sich austauscht und Aktionen plant und mal eine Rede schreibt oder einen Flyer. Und das ist auch nichts, wofür man schon richtig viel können muss, sondern das kann man auch alles lernen.

Jürgen: Ich würde verschiedene Gruppen ausprobieren und gucken, wo ich mich inhaltlich richtig fühle, aber auch wo ich mich von der Gruppe her wohlfühle. Es nützt wenig, wenn ich denke, dass inhaltlich zwar alles richtig ist, es mir aber da aus verschiedenen Gründen nicht gut geht. Das können Rahmenbedingungen sein, die treffen sich z. B. in einer Raucherkneipe, ich ertrage das nicht. Oder der Wochentag ist nichts für mich. Aber ich denke vor allem eher an so menschliche Faktoren. Da sind Menschen, die mir nicht gut tun, da muss ich immer kämpfen, bis ich reden kann. Da fühle ich mich unter Druck gesetzt, Dinge zu tun, wo ich unsicher bin, ob das zu mir passt. Es ist für ein längeres Engagement total wichtig, eine Gruppe zu finden, wo man sich wohlfühlt, wo möglichst viel passt und stimmt. Im Idealfall sind in der Gruppe auch Vertrauenspersonen, wo man mal was nachbesprechen und nachfragen kann. Aktiv was einfordern, finde ich sinnvoll.

Ich war in einer Gruppe aktiv, wo irgendwann einer sagte „Boah, war das schwer, hier reinzukommen. Ich habe zwei Jahre gebraucht. Jetzt kommen neue Leute. Ich finde, wir sollten ein Patenschafts-System entwickeln. Es gibt für jeden Neuen einen Paten, eine Patin.“ Und das fand ich eine richtig gute Idee und habe mich gefragt, warum wir nicht selber früher dran gedacht haben. Und dann ist die Patin mit der neuen Person nach jedem Treffen noch einen Kaffee oder ein Bierchen trinken gegangen. Und dann konnten Fragen geklärt werden, wie z. B.: „Diese drei Abkürzungen, ich habe mich nicht getraut zu fragen, was heißen die eigentlich? Alle rollen die Augen, wenn es um das und das geht. Was ist denn da der Hintergrund? Da muss doch irgendwas los sein.“ Das kann man alles nicht so gut im laufenden Treffen erklären, da muss man eine halbe Stunde ausholen. Und dieses Pat*innen-System fand ich gut. Und ich glaube, so etwas können Menschen auch einfordern, in einer Gruppe: „Ich hätte gern jemanden, der mir hilft, da reinzukommen.“

Also der Rat wäre nicht nur, Gruppen ausprobieren, sondern in Gruppen auch einfordern, dass man eingeführt wird, dass es Erklärungen gibt, Hintergründe etc. Ich glaube, das macht Sinn. Und in den Gruppen nicht vergessen, kleine Erfolge zu feiern, auch mal Pausen zu machen, mal was Schönes zu machen. Und nicht nur von einem Aktionismus in den nächsten, sondern auch mal überlegen, was gut war und was nächstes Mal besser werden kann.

„Das ist nochmal ein Appell an intergenerationelles Lernen, dass das wirklich Sinn macht.“
– „Jürgen und Mucki“


Gibt es noch etwas, was ihr noch teilen möchtet, was ich gar nicht gefragt habe? Fehlt noch was?

Mucki: Ich glaube, ich habe jetzt sehr viele Sachen angeschnitten und ich hoffe, das ist alles einigermaßen klar und verständlich. Explizite Sachen, die ich noch erzählen will, fallen mir jetzt gerade gar nicht ein.

Jürgen: Zum Thema Inspiration, habe ich noch zwei Punkte, die für mich wichtig waren. Ich hatte tatsächlich relativ am Anfang meines politischen Engagements das Glück, so etwas wie einen Mentor zu haben, der mich in vieles reingebracht hat. Er hat mir Lesetipps gegeben, er hat mich zu Sachen mitgenommen und hat mir ganz viel zugetraut. Und das war richtig, richtig gut. Das ist nochmal ein Appell an intergenerationelles Lernen, dass das wirklich Sinn macht. Um das so ein bisschen mit Leben zu füllen, hier ein Beispiel: Es war der Irakkrieg. Es ging um eine große Demo. Ich habe damals Zivildienst machen müssen und war anerkannter Kriegsdienstverweigerer. In der Rolle wurde ich von diesem Mentor angeregt, auf der Demo die Hauptrede zu halten. Das habe ich mir in dem Moment nicht zugetraut. Dann hat er gesagt, ich soll einfach mal was schreiben und danach haben wir uns zusammengesetzt und irgendwann war das meine Rede – mit seiner Unterstützung. Und das fand ich einfach richtig gut. Das meine ich mit Unterstützung und jemandem etwas zutrauen. Dieses Erlebnis hat sich in anderen Bereichen wiederholt und irgendwann war ich dann gleichberechtigt im Team einer Gruppe aktiv. Das fand ich sehr hilfreich.

Und mein zweiter Punkt zum Thema Inspiration ist das, was von Mucki vorhin auch gesagt wurde: Bewegungen, die unter viel schwierigeren Bedingungen aktiv sind. Für manche ist das vielleicht jetzt Rojava und für mich war es das, was die Zapatistas  in Chiapas in Mexiko gemacht haben. Bei denen sah man, es geht um Leben und Tod und die setzen alles aufs Spiel für ihr Engagement für eine gleichberechtigte Gesellschaft, wo sie gesehen werden. Das finde ich immer wieder inspirierend zu gucken, was auch international passiert, wo Bewegungen entstehen. Was man abgucken kann, wo auch kleine Erfolge zu sehen sind. Die haben ganz viele autonome Organisationen aufgebaut. Die haben eigene Krankenhäuser, eigene Schulen, die haben eigene Zentren, wo sie sich treffen. Die haben total darauf geachtet – was für Mexiko und Lateinamerika beachtlich ist –, dass die Frauen gleichberechtigt zu Wort kommen und aktiv werden. Ich finde auch deren Mottos toll, z. B. „Fragend schreiten wir voran.“ Man muss nicht immer die ganze Lösung wissen, man kann ausprobieren und immer wieder anpassen. Oder „Eine Welt, in der mehrere Welten passen.“ Also wir wollen das so, das heißt aber nicht, dass alle das so machen müssen. Da lässt sich viel abgucken, aber auch Motivation draus schöpfen.

„Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen.“
– Marie

Du hast diese Arbeit von 2001 bis 2014 gemacht. Das ist schon ein Arbeitsbereich, wo man mit extremen Situationen konfrontiert ist. Die Leute müssen Deutschland verlassen. Und 75 Prozent von den Leuten musstest du das dann wahrscheinlich sagen. Und du machst das über Jahre. Wie schwer war es für dich?

Ich habe in der Zeit festgestellt, meine Güte, das packt mich wirklich und ich versuche wirklich auch immer menschlich zu bleiben und mitfühlend zu bleiben. Aber ich kann nach Hause gehen und schlafen am Abend. Das habe ich mit der Zeit einfach festgestellt, dass das wieder ein Geschenk war. Ich kann es anders nicht nennen. Ich habe das nicht antrainiert. Mit nach Hause genommen habe ich es, ja, aber nicht so sehr, dass es mich dann lahmgelegt hat, weil ich da nicht zur Ruhe kommen konnte. Vielleicht habe ich auch vor lauter Arbeit dann nachts gut schlafen können. Ich weiß es nicht. Aber ich konnte damit leben irgendwie. Ich habe mir nicht bewusst gesagt, jetzt musst du hart bleiben, stark bleiben, was weiß ich. Nein, das ging einfach mit der Zeit. Mit der Zeit.

Das heißt Du hast Dich auch dahin gearbeitet?

Meine ersten Erfahrungen habe ich 1989 gemacht. Ich habe das dann ca. 25 Jahre gemacht. Ich kann nicht sagen, dass ich abgebrüht war, ganz und gar nicht. Ich denke manchmal, Mensch, wäre ich nur 20 Jahre jünger, dann würde ich versuchen an die Öffentlichkeit und an die Menschen hier zu gehen und konkrete Fälle zu schildern, so wie ich sie erlebt habe. Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen. Nicht immer nur Zahlen auf den Tisch klatschen und sagen, wir haben zu viele Fremde oder Flüchtlinge oder Migranten oder was weiß ich. Sondern wirklich das Gespräch mit anderen Menschen über diese Schutzsuchenden suchen, das war für mich sehr wichtig. Das habe ich hier in der Schule, solange ich noch Schuldienst hatte, gemacht. Ich habe Flüchtlinge mit in verschiedene Schulen genommen, weil ich denke, es ist die Begegnung. Die Begegnung muss sein und das kann Türen öffnen oder auch überhaupt ein bisschen das Gehirn lüften, gell? Und Platz machen für solche Sachen. Das war mir auch sehr, sehr wichtig.

Warum hast Du 2014 in Ingelheim aufgehört?

Marie: Ich hatte bereits zehn Jahre davor den Schuldienst quittiert, weil es so viel Bedarf gab – hier auf dem Land, in Ingelheim, in dem Gefängnis. Ich dachte, was mache ich noch in der Schule?

„Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann.“
– Marie

Du hast Dich 40 Jahre lang sehr intensiv engagiert hast. Warst du die ganze Zeit motiviert oder hattest du auch mal eine Phase, wo du gedacht hast, jetzt reicht es mir?

Also ich glaube, dass ich wirklich sagen kann, ich war die ganze Zeit motiviert. Der Ausgangspunkt für mich ist, dass ich es die erste Hälfte meines Lebens oder überhaupt im Leben so gut gehabt habe – als Kind, als junger Mensch, als Schülerin, als Studentin, später dann nach Europa kommend. Ich habe es so gut gehabt und habe so viel erlebt, dass ich mir dachte, mein Gott, diese anderen Menschen, die so viele Probleme bekommen, weil sie vielleicht den Mund aufmachen, weil sie am falschen Ort wohnen usw. Mir geht es so gut, dass ich das nicht einfach für mich behaupten kann und froh sein kann, dass es mir gut geht. Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann. Das war der Ausgangspunkt für mich. Ich denke, ich bin immer motiviert geblieben, ich hatte nie einen Tiefpunkt oder so.

Nachdem ich 2004 nach 22 Jahren aus dem Schuldienst in Hargesheim ausgestiegen bin, dachte ich mir, eigentlich würde ich gerne eine kurze Zeit in den USA verbringen wollen und dort noch einmal nach all diesen Jahren Deutsch unterrichten. Ich habe in den USA 1971 bis 1973 Studenten unterrichtet und hatte Lust, das nochmal ein paar Monate zu machen. Ich habe dann eine Stelle im Bundesstaat New York, wo ich sowieso herkomme, bekommen. Im Herbst 2005 habe ich von September bis Dezember ein Semester Deutschkurse gegeben. Das war in der Stadt New Paltz, was übersetzt Neu Pfalz heißt, an der New York State University. Das war eine sehr interessante Erfahrung. Die Studenten, die ich 2005 dort hatte, waren ganz anders als die Studenten, die ich mehr als 30 Jahre davor unterrichtet hatte, eine ganz andere Generation. Ich musste gucken, dass ich auf deren Wellenlänge komme, sie verstehe. Das war gar nicht so einfach für mich, Anfang dieses neuen Jahrhunderts.

Dann wurde mir eine Verlängerung von meinem Vertrag angeboten. Sie wollten mich behalten und ich sollte weiter Deutsch unterrichten. Und ich habe ehrlich gesagt, nein, das kann ich nicht, denn sonst hänge ich mich ab, was meine Flüchtlingsarbeit, was meine Arbeit für Amnesty in Deutschland anbelangt. Und ich konnte mir das nicht vorstellen, dass ich das, was ich bis dahin in Deutschland gemacht habe, was mir so wichtig war, dass ich das noch länger unterbreche. Also bin ich dann nach gut vier Monaten nach Deutschland zurückgekehrt und habe weitergemacht.

Hast du Strategien, wie du dich organisiert hast?

Marie: Ich bin selbst schon organisiert. Ich bin ein ordentlicher Mensch. Auch nachdem ich in der Schule aufgehört habe, bin ich immer um halb sieben aufgestanden, um meinen Tag anzufangen. Denn genug zu tun hatte ich und das war einfach dann die Frage, wie teile ich das ein? Also ich bin ziemlich diszipliniert. Ich habe nicht unbedingt eine absolut feste Routine gehabt, aber diszipliniert bin ich. Und wenn ich mir was vorgenommen hatte oder wirklich irgendeine besondere Aufgabe hatte, dann habe ich mich wirklich damit gut beschäftigen können. Bis ich das Gefühl hatte, jawohl, so kannst du es machen.

Und hast du auch Inspirationen aus anderen Sachen gezogen? Aus Büchern oder hast Du Vorbilder?

Jetzt lese ich wieder Bücher, früher bin ich nie dazu gekommen. Das sind dann zum Teil Sachbücher, aber auch Romane, die Freundinnen mir einfach geben. Wir tauschen uns mit Büchern aus und das ist sehr schön. Und ein oder zwei Heldinnen habe ich schon, zum Beispiel Eleanor Roosevelt. Das ist eine Frau, die neben ihrem Mann natürlich etwas unscheinbar erschienen ist. Franklin Delano Roosevelt war schon eine große Persönlichkeit, die auch einen guten Kopf hatte. Aber Eleanor Roosevelt selbst auch. Sie hat vieles aufgegriffen, was ihr wichtig war, auch später im Leben. Sie war z. B. eine treibende Kraft hinter der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Dafür kann ich mich begeistern.

Es gab immer wieder Frauen in meinem Leben, wo ich mir gedacht habe, was sie machen, das ist wirklich gut, das hat Hand und Fuß.

Du hast viel in Gruppen gearbeitet, mit Kolleg*innen. War das wichtig für dich, dass man sich so gegenseitig unterstützt?

Ja, sich unterstützen im Sinne von jeder von uns hat etwas zu bieten und kann etwas einbringen, das finde ich gut. Beratungsgespräche, die habe ich eher im Alleingang gemacht. Aber die eigentliche Arbeit und die Botschaft, dass Schutzsuchende hier Verständnis finden sollen, aufgenommen werden sollen, dass ihnen geholfen werden soll, das ist schon eine Sache, die man mit anderen gemeinsam macht. Ich denke schon, dass wir zusammen stark sind.  

Du hast gesagt, dass Du Energie aus deinem Engagement gezogen hast. Viele haben ja eher Probleme mit Burnout?

Gerade jetzt in den letzten 1-2- Jahren denke ich oft, dass schaffst du nicht mehr oder du bist schon so langsam geworden. Und dann sage ich mir, jetzt in meinem hohen Alter kommt Burnout. Das kann ich jetzt mit Fassung ertragen. Davor hatte ich damit nie Probleme. Ich habe mein Leben lang einen sehr niedrigen Blutdruck gehabt. Erst in den letzten 5-7 Jahren habe ich einen erhöhten Blutdruck bekommen. Ich habe beobachtet, dass mir jetzt im hohen Alter die Sachen länger nachgehen.

Als ich noch täglich so viele Schicksale, so viel Tragisches und so viel Leid mitbekommen habe, da habe ich es immer irgendwie gut verkraftet. Aber jetzt kann es sehr schnell sein, dass ich emotional werde, weil mir etwas so zu Herzen geht. Das ist erst seit 2-3 Jahren so.  Jetzt leide ich z. B. darunter, wenn ich in den Nachrichten oder in der Zeitung von Schicksalen erfahre. Früher in meinem Kampfmodus, da habe ich dann etwas gemacht und war nicht so angreifbar. Ich bin dankbar dafür, dass es mich so lange nicht so angegriffen hat.

Du hast 2013 den Landesverdienstorden bekommen. Was hat Dir das bedeutet?

Ich habe vielleicht erwähnt, dass ich mit Malu Dreyer per Du bin, weil Malu Dreyer auch bei Amnesty war. Wir haben uns bei Bezirksversammlungen in Mainz kennengelernt. Malu war damals noch an der Universität. Von 1995 bis 1997 war sie dann Bürgermeisterin in Bad Kreuznach. Danach war sie auch noch öfter dort. Wir haben uns dann immer gegrüßt und kurz ausgetauscht. Im Jahr 2013 habe ich von ihr meinen Landesverdienstorden bekommen. Die Verleihung hat mir etwas bedeutet. Meine Nichte, Katrin aus Bayern, wollte gleich zur Verleihung kommen. Aber ich wollte das nicht zu hoch hängen. Ich habe drei Freunde von hier zur Preisverleihung eingeladen. Ich fand die Anerkennung schön, auch weil es im Zusammenhang mit Malu war, die ich lange kenne und weil ich ihr in ihrem Amt positiv gegenübergestanden bin.

Bei der Verleihung sagte mir Malu: „Mehr Ehrenamt geht nicht.“ Und ich dachte, ja, mehr Zeit wäre nicht gegangen. Es wäre einfach nicht gegangen. Aber für mich war es gut und stimmig, es hat alles so gepasst.

Hast Du Dich früher wirklich nie gestresst gefühlt? Die Arbeit ist mit vielen Fristen, Terminen und viel Verantwortung verbunden. Es ist kein ruhiges Ehrenamt.

Doch, aber es war für mich positiver Stress. Aufreibend war es schon, aber ich bin selbst auch nicht unbedingt ein ruhiger Typ, ich bin schon sehr aktiv.

Ja, aber irgendwie hast du eine echt solide Grundkonstitution mitgekriegt…

Vielleicht hat meine Mutter gut gekocht und uns gut aufgezogen, mich und meinen Bruder. Wir hatten einen sehr guten Start ins Leben und das ging immer weiter.

Meinst du, es hat auch etwas mit Haltung zu tun? Du hattest von deiner Kollegin erzählt, die eine eher negative Bilanz gezogen hat. Was meinst du, was der Unterschied zwischen euch ist?

Meine Haltung ist schon: Wenn man etwas sieht, dann muss man dranbleiben. Egal, ob das jetzt sehr populär ist, ob das viel Zustimmung erzeugt, wenn etwas im Argen ist, dann muss man dranbleiben. Da war gerade in der Frankfurter Rundschau ein Artikel über den kürzlich verstorbenen Politiker Gerhart Baum. Auf dem Sterbebett sagt er „Engagiert euch!“ Das war sein letzter Gruß an die deutsche Bevölkerung. Und ich finde es so schön.

Welche Rolle hat so Selbstfürsorge für dich gespielt?

Als ich ein paar Monate in den USA unterrichtet habe, das war für mich. Das habe ich gemacht, aber dann war es abgehakt. Einen Tapetenwechsel habe ich manchmal gebraucht. Ich bin über die Jahre viel Auto gefahren, habe für eine Woche meinen Bruder mit Familie in Bayern besucht. Das habe ich schon gemacht, das waren wichtige Kontakte. Und dann bin ich ein paar Mal nach England gefahren, weil ich da eine sehr gute Freundin habe. Das waren ein paar Abstecher.

Aber im Grunde genommen, was wirklich wichtig war, das war einfach die Beschäftigung hier. Und das hat mir so viel gebracht, das war so eine Bereicherung, ich musste nicht irgendwo anders hingehen, um mich dafür zu belohnen, dass ich gearbeitet habe. Es war wirklich eine Bereicherung.

„Es ist eine politische, keine juristische Frage: Gab es Nazi-Gewalt in Rheinland-Pfalz“
– Sebastian

Lass uns über Motivation reden. Was hat dich anfangs motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Ich war früher eher in anderen Politikfeldern engagiert und rutschte durch Erfahrungen mit jugendlichen Rechten in meinem Alter ins Engagement gegen Rechts. Das war der Ausgangspunkt. Als junger Jugendlicher interessierte ich mich eher für Umweltthemen. Anti-Castor, Anti-Atom war damals ein Riesenthema.

Also auch reine Notwendigkeit?

Ja, ich hätte dem Thema gegen Rechts auch aus dem Weg gehen können, aber ich wurde damit konfrontiert und habe mich dann gefragt, was ist denn hier los?

Bist du heute noch aktiv gegen Rechts und wenn ja, wie?

Ja, ich bin auch heute aktiv. Früher ging ich zu Demos und nahm teil, heute organisiere ich sie mit. Außerdem engagiere ich mich in einer Initiative zur Gewalt Anfang der 90er. In Rheinland-Pfalz, besonders im Norden, gab es 1990 und 1992 mehrere Morde, die bis heute nicht aufgearbeitet sind. Es gibt mittlerweile Gedenkplatten vor Ort, die an die Menschen erinnern die von Nazis umgebracht wurden, aber die Bundesregierung erkennt die Fälle nicht an, weil Rheinland-Pfalz als letztes Bundesland keine Todesopfer rechter Gewalt anerkennt. Wir setzen uns als Initiative dafür ein, das sich das ändert und auch Rheinland-Pfalz Opfer rechter Gewalt anerkennt und beim Namen nennt. Seit 2011 machen wir jährlich Veranstaltungen, haben auch für dieses Jahr wieder etwas geplant. Über die Jahre gelang es, das Thema zu platzieren. Es gibt jetzt Berichterstattung, anfangs war das nicht so. Da engagiere ich mich ehrenamtlich stark.

Da hätte ich noch eine Verständnisfrage: Rheinland-Pfalz hat überhaupt gar keinen Todesfall gemeldet.

Richtig, als einziges deutsches Bundesland. Drei Todesfälle bekannt und mit Urteil bestätigt. Dann gibt es Verdachtsfälle wie etwa in Kandel und weitere. Und einige, die nur die Polizei kennt. Ich sah in einer Statistik, bei wie vielen Fällen die Polizei von einem möglichem rechten Hintergrund ausgeht. Diese Zahl ist größer als das, was Initiativen und Zivilgesellschaft vermuten. Es gibt also Fälle, die Initiativen nicht kennen. Üblicherweise werden Fälle mit Gerichtsurteil gezählt – das sind drei aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz.

Ihr hattet zu diesem Thema einen Brief an Malu Dreyer geschrieben. Gab es da eine Reaktion? Bild?

Keine Reaktion. Wir erfuhren nachträglich, dass auf offene Briefe grundsätzlich nie reagiert wird. Nach ausbleibendem Echo hakten wir nach – in Rheinland-Pfalz wird auf offene Briefe nicht reagiert. Überraschend antwortete dann doch der damalige Innenminister Roger Lewentz, traf sich mit uns. Das Gespräch war gar nicht schlecht, blöderweise war er kurz danach nicht mehr im Amt. Zur Landtagswahl 2026 wollen wir das Thema wieder in die Öffentlichkeit bringen.

Eigentlich wäre es mit der Anerkennung der drei Fälle einfach – die Gerichtsurteile geben das aus unserer Lesart her, aber die Behörden stellen sich quer. Vielleicht geht es darum, keine Fehler zuzugeben. Wir argumentieren anders: Es geht nicht darum, ob beim Statistikführen Fehler gemacht wurden. Es ist eine politische, keine juristische Frage: Gab es Nazi-Gewalt in Rheinland-Pfalz? Wurden in den 1990ern Menschen durch rechte Gewalt ermordet?

„Ich finde es wichtig, das eigene Umfeld und die Gesellschaft zu gestalten.“
– Sebastian

Was in deiner Biografie, denkst du, hat dein fortlaufendes Engagement gegen Rechts begünstigt? Diese erste Notwendigkeit war ja klar, damit hat es angefangen, aber warum bist du dabei geblieben?

Eine Frage, die eigentlich nie gestellt wird – warum sich Menschen engagieren. Der Schwerpunkt hat sich bei mir während des Engagements gegen Rechts schon verschoben. Ich finde es wichtig, das eigene Umfeld und die Gesellschaft zu gestalten. Deswegen bin ich vom Thema Nazis irgendwann zu den sozialen Themen gekommen.

„Das wünsche ich mir, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass es unsere Welt ist und dass wir nicht nur daran teilhaben sollen, sondern dass wir Verantwortung dafür tragen.“
– Anton

Was hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Ich glaube schon dieses Bewusstsein, das man Anfang der 90er hatte, dass alles immer schlimmer wird und es ist ja auch unglaublich viel Negatives passiert in der Zeit. Einerseits die ganzen Anschläge, Pogrome und so weiter und dann auf der politischen Ebene eben auch diese faktische Abschaffung des Asylrechts damals. Die ganze politische Entwicklung war sehr, sehr reaktionär. Die bürgerliche Politik hat diese rechten Entwicklungen entweder vollkommen geleugnet oder mit ihren Aussagen stark befeuert. Es gab Anfang der 90er z. B. CSU-Politiker, die vor der „durchrassten“ Gesellschaft gewarnt haben. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das würde einen Riesenskandal geben. Heute gibt es zwar öfter eine Abgrenzung nach rechts von bürgerlichen Politikern, zumindest in Worten. Wobei sie die rechte Politik oft trotzdem umsetzen. Aber diese Abgrenzung war früher, nach meinem Gefühl, nicht so stark. Klar, es gab verrückte Neonazis, mit denen hatte man natürlich nichts zu tun, aber man verwendete zum Teil dasselbe Vokabular.

Ich habe mich dann jetzt gerade gefragt, auch um die Subkultur zu würdigen, was waren damals deine drei liebsten (Punk-) Band? Ich finde, für sowas muss auch mal Zeit sein. Wenn der Punk schon so viel für den Antifaschismus getan hat, dann muss man ihn auch mal wertschätzen.

Anton: Also die Band, über die ich zu Punk und auch zur Antifa oder überhaupt zu einem linken Bewusstsein kam, war Slime. Die waren sehr, sehr wichtig und ich glaube, die waren für sehr, sehr viele sehr wichtig, weil es wahrscheinlich die wichtigste deutsche Polit-Punk-Band war. Und dann kam …BUT ALIVE, die fand ich von den Texten deutlich reflektierter. Als von denen die erste Platte rauskam, bin ich eine Zeit lang nur rumgerannt und habe immer diese Texte zitiert, wenn ich mich mit jemandem unterhalten habe, die konnte man immer so gut verwenden. Eine dritte Band, die aber eigentlich gar nicht so politisch ist, die wir aber ganz häufig gesehen und auch mit ihnen Konzerte veranstaltet haben, sind Steakknife aus dem Saarland. Dadurch, dass sie relativ nah wohnten, haben die öfter in der Gegend gespielt.

„Aber grundsätzlich diese Einstellung ist schon noch da, da hat sich schon etwas erhalten aus der Zeit.“
– Anton

Was hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Was meinst du, was in deiner Biografie dich dazu bewogen hat oder das begünstigt hat, dass du dich gegen Rechts engagierst? Weil du hättest das ja genauso gut lassen können.

Das kann ich gar nicht so abschließend sagen. Ich hab mich schon immer dafür interessiert, was in der Welt vor sich geht. Ich denke der Freundeskreis damals hat eine große Rolle gespielt, mit dem gemeinsam habe ich mich dann auch engagiert. Ich bin nicht alleine zur Antifa gegangen, sondern mit meinen Freunden. Ich denke mein Freundeskreis wird der wichtigste Grund gewesen sein.

Machen deine Freunde von damals heute auch noch politische Arbeit?

Also wenn ich mir die Antifa-Gruppe von damals angucke, sind die wenigsten noch direkt politisch aktiv. Es gibt noch Leute, die was machen und diese Einstellung ist schon noch da. Ich habe aber nicht mehr so viel Kontakt, weil wir in alle Richtungen dann irgendwie ziemlich schnell weg sind. Es gibt Leute, die schicken mir hin und wieder ein Video von irgendeinem Punksong. Die Einstellung ist schon noch da, aber die meisten sind nicht mehr organisiert. Direkt nach der Schule waren etwa die Hälfte der Leute in ihren neuen Städten erst mal noch weiter aktiv. Mit der Zeit lässt das natürlich nach, wenn dann Familie kommt und Lohnarbeit und einem dann immer mehr die Zeit dafür fehlt. Aber grundsätzlich diese Einstellung ist schon noch da, da hat sich schon etwas erhalten aus der Zeit.

„Das war die ganz einfache Feststellung, dass bestimmte Dinge so nicht sein müssen.“
– Vasili

Gab es in den 90ern ein prägendes Ereignis, das dich besonders beeinflusst hat? Du hattest z. B. schon die Nazi-Müllers genannt.

Ein singuläres Ereignis nicht. Es gab eine allgemeine Grundstimmung, eine allgemeine gesellschaftlich-politische Entwicklung. Eine Ausnahme, die doch sehr einschneidend war, war die de facto Abschaffung des Rechts auf Asyl Anfang in den 90er Jahren in der Bundesrepublik. Ich hatte das schon gesagt, aber ich wiederhole es nochmal: Da werden Menschen angegriffen, werden im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Tode bedroht und die Konsequenz, die man daraus ableitet, ist, das Recht auf Asyl de facto abzuschaffen. Da hat sich dann gezeigt, dass diese Mehrheitsgesellschaft und die sie tragenden politischen Strömungen, Parteien und Organisationen ganz schnell nach rechts zu mobilisieren sind. Und dass sie dann jede Rücksicht auf Menschenwürde, auf Menschlichkeit gerne mal ganz schnell über den Haufen werfen – und zwar aus billigen Opportunitätsgründen. Das war für mich so ein einschneidender Moment, wo ich dachte „Verdammte Axt, in Mölln werden Leute verbrannt, in Solingen werden Leute verbrannt, in Rostock-Lichtenhagen hat man es versucht und die Konsequenz, die man daraus zieht, ist zu sagen die Ausländer sind das Problem – nicht die extreme Rechte, nicht die Nazis, nicht diese Diskurse und diese permanente Ausgrenzung.“

Was meinst du hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Meine Eltern, vor allem meine Mutter, hat mir sehr viel von ihrer Kindheit und Jugend erzählt und die war im Faschismus und scheiße. Meine Mutter hat es insofern sehr cool gemacht, weil sie es mir nicht als Schauermärchen erzählt hat. Sie hat es auch nicht mit der Intention erzählt, dass ich mich nicht so anstellen soll, weil ich es gut habe. Meine Mutter hat ganz normale harmlose Kindheitsabenteuer erzählt, die man so erlebt. Und sie hat auch sehr, sehr viel über ihre Erlebnisse im Faschismus gesprochen. Und die waren schrecklich. Bei mir hatte das eine ganz, ganz starke Prägung zur Folge, im Sinne von: Das darf man nicht zulassen! Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt ein Kind, später dann eine junge Frau, und man hat ihr einen nicht geringen Teil dieser Kindheit und der Jugend kaputt geschlagen. Und das gehört sich nicht. Das war so ein bisschen meins, denjenigen zu sagen „Ich will nicht Teil einer Gesellschaft sein, in der das möglich ist, sondern ich will zu denjenigen gehören, die es zumindest versuchen, sich dagegen zu stellen.“

Zusätzlich hat es wahrscheinlich auch mit eigenen Ausgrenzungserfahrungen zu tun, aber gar nicht so stark. Es war eher aus einer abstrakten Erwägung heraus, dass Nazis scheiße sind und man was dagegen machen muss. Und ich weiß besonders, dass sie scheiße sind, weil ich die Geschichten meiner Eltern kenne. Daraus leitet sich für mich so eine Art Verpflichtung ab.

Und, auch das muss ich offen sagen, es macht natürlich auch Spaß, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Man muss das immer kritisch sehen, mir war es schon als junger Mensch wichtig, zu unterscheiden, was mir irgendwie Spaß macht und was notwendig ist. Aber ich habe in der Beschäftigung mit dem Thema ganz viele spannende Leute kennengelernt, teilweise Freundschaften geschlossen.

Wenn ich beispielsweise irgendwo in irgendwelchen Käffern unterwegs war, fand ich es immer toll, irgendwo ein emanzipatorisches, linkes oder feministisches Graffiti zu sehen. Dann wusste ich, es muss mindestens eine Person hier irgendwo in der Nähe geben, die genauso denkt, wie ich.

Und wenn du dann mit diesen Leuten zusammenarbeitest und siehst, das ist auch anders möglich, das war cool. Ich fand auch die Art und Weise, wie man miteinander umgegangen ist, sehr gut. Wir waren eine relativ heterogene Gruppe, also wir hatten so „klassische Antifas“, wie sich der Laie die so vorstellt, aber da waren auch Leute von den katholischen Pfadfinder*innen dabei, die aus ihrem christlichen Menschenbild abgeleitet haben „Wir müssen was gegen Rechts machen und gegen Nazis“. Wir hatten, was die Milieus anbelangt, schon auch unterschiedliche Gruppen, das fand ich z. B. sehr interessant, sich mit solchen Leuten auseinanderzusetzen. Ich weiß gar nicht, ob es diese Kultur heute in dieser Form noch gibt, in Hinterzimmern von Kneipen bis um zwei Uhr morgens die Welt zu erklären und dann v.a. Vorschläge zu erarbeiten, wie man sie verändert. Das hatte was. Das hat sicherlich auch eine Rolle für meine Motivation gespielt.

Bis heute mag ich eigentlich Politik nicht, bzw. ich mag mich nicht selbst politisch betätigen, weil es nervig ist, weil es lästig ist, du triffst auf coole Leute, aber du triffst auch auf Idiot*innen. Es macht Arbeit. Im Zweifelsfall kriegst du von allen eins auf den Deckel. In den seltensten Fällen ist man als Antifa gewürdigt worden, mit ganz wenigen Ausnahmen. Und die sind teuer und kostbar, diese Erinnerungen. Also wenn dann ältere jüdische Deutsche sagen: „Ey, gut, dass ihr da wart.“ Das ist cool. Aber eigentlich finde ich politische Betätigung anstrengend, man muss mit anderen Leuten was machen, man muss Konsense finden, das ist also furchtbar. Und dann die linken Leute, die sind manchmal auch einfach sehr anstrengend. Aber ich halte das für notwendig – und das gilt bis heute.

Ich habe, wie gesagt, aus den Erfahrungen meiner Eltern für mich die Verantwortung abgeleitet, dass ich dazu beitragen will, dass niemand diese Erfahrung mehr machen muss. Vor allem an meiner Mutter habe ich es gesehen. Sie war dieser ganz normale Mensch, mit all den Möglichkeiten, die ihr eigentlich zur Verfügung gestanden hätten. Und dann kam dieser Faschismus und auch noch andere Sachen, wie z. B. das Patriarchat. Sie konnte so viel und wollte so gerne ein Leben führen, das ihr verwehrt blieb. Und sie hat als Putzfrau gearbeitet, das ist nichts Ehrenrühriges, weder meine Mutter noch ich haben sich jemals dafür geschämt, nur war das nicht der berufliche Endpunkt, den meine Mutter gerne wollte.

Ja, es war nicht ihre eigene Wahl.

Genau, es war nicht ihre eigene Wahl. Sie wäre gerne Lehrerin in so einer kleinen Dorfschule geworden und ich glaube, das hätte sie auch gut gemacht. Das fand sie total spannend und schön. Und mich hat das einfach genervt. Warum ist dieses Leben für sie nicht möglich?

Und vielleicht noch ein Weiteres. Dann machen wir die eigene Biografie vollkommen rund. Das hat jetzt weniger was mit Antifa zu tun, aber mit so einem allgemeinen politischen Anspruch. Ich habe von der ersten bis zur vierten Klasse einen Sitznachbarn gehabt. Ein Deutscher namens Thomas. Und das war ein ganz lieber, kluger Junge. Er kam aus einer Familie, die man damals als „asozial“ bezeichnet hat. Die hatten vier, fünf Kinder, zwei davon waren im Knast, einer auf Bewährung. Heute würde man „Hartz-IV-Empfänger-Familie“ sagen. Wir waren befreundet, haben uns auch sehr gemocht und als Kinder viele Sachen zusammen gemacht. Der ist vom ersten Tag an in dieser Schule abgestempelt und gelabelt worden: „Du bist nichts, du kannst nichts, du kommst aus dieser Familie, du bist genauso wie deine Brüder.“ Und irgendwann hat er dem Stempel entsprochen. Ich weiß das bis heute, weil mich das entsetzt hat. Ich kannte den, er war klug und lieb. Er wurde systematisch in eine bestimmte Schublade gesteckt, aus der man ihn nicht mehr hat herauskommen lassen. Und man hat dem in gewisser Weise auch sein Leben kaputt gemacht. Ich habe ihn dann aus den Augen verloren, vielleicht ist er heute glücklich und zufrieden und ich gönn’s ihm auch. Aber eine ganze lange Zeit lang war er es bestimmt nicht. Und das war für mich so eine Feststellung: Das macht keinen Sinn. Da haben wir den Zahnarzt-Sohn und der verhält sich wie ein Arschloch, aber der wird von den Lehrern sehr gut behandelt, im Gegensatz zu meinem Kumpel. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt, weswegen ich mich politisch engagieren wollte. Und dann bot sich Antifa als Betätigungsfeld an.

Das war die ganz einfache Feststellung, dass bestimmte Dinge so nicht sein müssen. Wenn ein Vulkan ausbricht und Leute umbringt ist das schlimm, aber schlecht verhinderbar. Aber Dinge, die nicht sein müssen, wo es eine Entscheidung in der Gesellschaft oder auch von Individuen ist, dagegen wollte ich mich engagieren. Ich habe gesehen, dass man auch andere Entscheidungen treffen kann, ich hatte auch Lehrer, die zu meinem Kumpel cool waren, das war aber eine Minderheit. Die Ausgrenzung meines Kumpels hat sich auch darin gezeigt, dass er mit einem Ausländerkind unterwegs war. Bei den anderen Familien war er nicht akzeptiert, weil er aus dieser „asozialen“ Familie kam, und am Ende klaut der noch. Diese Behandlung finde ich unangemessen und überflüssig. Ich glaube wir kommen sehr viel weiter, wenn wir uns zusammentun und uns nicht gegeneinander instrumentalisieren lassen.

Ist das ein Wunsch nach Gerechtigkeit oder welches Wort würdest du wählen?

Ja, vielleicht. Mir liegt so ein bisschen das Wort Fairness auf der Zunge. Es geht mir nicht darum, dass wir alle gleich sind, das habe ich nie gedacht. Ich mache es an einem Beispiel zum Thema Ausgrenzung und den Prozessen dahinter deutlich:

Bei einem anderen guten Freund von mir – bei ihm würde man heute von einer Lernverzögerung sprechen – hat es länger gedauert, was sowohl die körperliche, aber auch die seelische Reife anbelangt. Er ist Legastheniker und hat auch nicht in dieses 0815-Schema gepasst. Er hat eine Hauptschulempfehlung bekommen und auch erstmal einen Hauptschulabschluss gemacht. Heute sitzt er an seiner Dissertation.

Und das ist etwas, was mir auffällt und was ich auch für töricht halte, dieses kreative Potenzial von Menschen kaputt zu machen aufgrund von Borniertheit und Blödsinn. Das ist das, was ich am eigenen Leibe erlebt habe, was ich kacke fand, bei mir und bei anderen. Und ich habe dann irgendwann versucht den Zusammenhang zu finden: Das ist jetzt nicht zufällig bei dem oder bei mir so, sondern das scheint ein grundlegendes Ding zu sein. Es war ja nicht nur der eine Lehrer, der sich blöde verhalten hat, sondern es waren gleich eine ganze Menge Lehrer und auch Eltern. Und das ist, glaube ich, bis heute ein bisschen ein Motor für mich, mich zu engagieren. Ja, Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit nicht im Sinne von Gleichmacherei, sondern dass alle Personen, wie es so schön im Grundgesetz heißt, ungeachtet ihrer Herkunft ein Leben führen können, das sie interessant und spannend finden. Ich glaube, das geht. Es geht jetzt nicht um linke Wolkenkuckucksheime. Wenn der eine Freund jetzt an der Dissertation sitzt, war er halt einfach stur und hat seinen Weg gemacht. Bei Thomas bin ich bis heute davon überzeugt, dass er in die Kriminalität abgerutscht ist, weil man ihm nie eine andere Perspektive vermittelt hat. Und das ist so unnötig. Und es gibt Menschen, die sind Arschlöcher, dann darf man ihnen auch als solche begegnen. Aber es gibt auch Menschen, die einfach in eine ganz bestimmte Rolle gepresst werden, denen Eigenschaften zugewiesen werden, einfach aufgrund einer mutmaßlichen oder realen Gruppenzugehörigkeit. Und das macht keinen Sinn. Es macht einfach keinen Sinn. Ich funktioniere sehr bieder, es ist einfach so ein bisschen so eine Logik-Sache. Es ist einfach unlogisch.

„(…) die Feststellung, dass etwas in dieser Gesellschaft dazu führt, dass man Menschen kleinmacht.“
– Vasili

Bonusfrage: Was in deiner Biografie hat dein Engagement gegen Rechts begünstigt?

Vasili: Meine Eltern, vor allem meiner Mutter. Und die Feststellung, dass etwas in dieser Gesellschaft dazu führt, dass man Menschen kleinmacht. Und das ist kein Zufall, was mir auch damals schon klar war, sondern hat etwas damit zu tun, wie die Gesellschaft eingerichtet ist. Das wären zwei sehr wesentliche Momente in meiner persönlichen Biografie. Und vielleicht auch die Lektüre. Ich habe viel gelesen, und zwar Lektüre, die aus aller Welt stammt, um dann festzustellen, dass ein nicht geringer Teil von grundsätzlichen Fragestellungen überall gleich ist. Egal, wie die Leute aussehen, wo sie herkommen, wie sie reden, das ist eigentlich ähnlich.

Deine Erlebnisse und Erfahrungen sind wichtig!

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