Engagement gegen Rechts
„Ich denke schon, dass wir bei den Menschen was bewegt haben.“
– Marie
Vor kurzem habe ich mich mit einer guten Amnesty-Freundin unterhalten. Sie und ich haben hier in Bad Kreuznach über 40 Jahre lang bei Amnesty-International Menschenrechtsarbeit gemacht – und nicht wenig. Wir haben sehr intensiv gearbeitet und uns ins Zeug gelegt und meine Freundin sagte mir vor nicht allzu langer Zeit: „Was hat das schon genutzt? Guck, wie jetzt alles ausschaut und wie die Entwicklung ist. Das war alles irgendwie ohne Wirkung oder umsonst.“ Und das konnte ich nicht stehen lassen. Und ich habe sofort gemeint, nein, so ist es nicht. Das, was wir gemacht haben, hatte Hand und Fuß, hat auch für heute noch Bedeutung. Und ich denke schon, dass wir bei den Menschen etwas bewegt haben und dass viele Menschen aufgehorcht haben, wenn wir mit einem Anliegen gekommen sind. Sie ist eher resigniert und ich sagte ihr, nein, wir müssen einfach dranbleiben. Es lohnt sich immer, wenn wir Sachen sehen, die nicht in Ordnung sind, dass wir uns äußern und sagen, dass es nicht gut und nicht akzeptabel ist. Und das hat mich einfach traurig gemacht, dass diese gute Freundin, mit der ich viel gemacht habe über die Jahre, das im Nachhinein ganz anders sieht und das Gefühl hat, dass das nicht so effektiv war.
Man kann beide Perspektiven verstehen, oder?
Marie: Ja, aber ich könnte damit nichts anfangen. Im Grunde genommen war es schon sehr viel und sehr vielfältig, was ich über die Jahre gemacht habe. Und es war nicht das Ergebnis, das für mich ausschlaggebend war. Es waren vielmehr die konkreten Problematiken und die Schicksale einzelner, die mich wirklich animiert haben, etwas zu unternehmen.
Ja, das ist eigentlich eine gute Einstellung, denn das kann dir keiner wegnehmen. Wenn man denkt, dass man sich mit voller Energie für eine bessere Welt einsetzt und dann wird alles immer schlechter, dann kann man schon verzweifeln.
Es geht um die Sache, und auch um die Menschenrechte. Nur weil sie jetzt noch nicht verwirklicht sind, heißt es nicht, dass wir nicht kämpfen sollen. Ich finde das von vornherein einfach klar, dass es Sachen gibt, für die wir uns stark machen und einsetzen sollen.
„Das war dann 1983 für mich der Beginn von einer sehr intensiven Beschäftigung, die für mich absolut elementar wurde und seitdem ganz klar zu meiner DNA gehört.“
– Marie
Ich habe überlegt, wann ich angefangen habe, mich über das Thema Menschenrechte zu informieren und etwas machen zu wollen. Ich denke lange Zeit habe ich nicht darüber nachgedacht. In meiner Schulzeit in den USA war ich zwar auch sehr aktiv, aber da war ich für mich aktiv. Ich war im Schülerparlament und habe viel Sport gemacht. Nach der Schule, als ich in New York studiert habe, bin ich auf eine Organisation aufmerksam geworden: die American Civil Liberties Union (ACLU). Da habe ich mich dann informiert und bin zahlendes Mitglied geworden. Die ACLU gibt es inzwischen seit 1920. Sie setzt sich für Bürgerrechte, für die Rechte der Menschen ganz allgemein und für Meinungsfreiheit ein. Sie kämpft gegen Unrecht oder Diskriminierungen. Und sie bezieht sich immer auf die Verfassung. Als Studentin habe ich gesehen, dass sie sich auch für Schwarze, deren Rechte beschnitten worden sind, eingesetzt hat. Die ACLU hat es als ihre Aufgabe gesehen, die Bevölkerung wirklich zu informieren, so dass die Menschen merken, dass diese Rechte, wenn sie da beschnitten werden, eigentlich uns alle angehen. Deswegen habe ich die Organisation unterstützt, weil sie viele Menschen erreicht hat mit ihren Anliegen. Heute ist die ACLU wahrscheinlich sehr beschäftigt.
Wann genau war das? War das zeitgleich mit dem Civil Rights Movement?
Das war Mitte der 1960er Jahre bis Anfang der 1970er Jahre. Martin Luther Kings berühmte Rede „I have a dream“ war bereits 1963. Fünf Jahre später 1968 oder 1969, bin ich mit Freunden und mit meinem Bruder nach Washington zu einem Solidaritätsmarsch gefahren. Wir sind genau die Route gelaufen, die Martin Luther King damals gelaufen ist. Da ging es auch um die Bürgerrechte (Civil Rights), die eigentlich einem jeden zustehen.
Deine prägenden Jahre waren somit eine ganz spannende politische Zeit?
Das stimmt. Du bist da richtig drin groß geworden, in dem Movement. Ich weiß zum Beispiel ganz genau wo ich an meinem College war, als John F. Kennedy 1963 ermordet wurde. Solche Sachen haben sich bei mir eingeprägt. Aber das waren alles noch individuelle Ereignisse für mich, das will ich damit sagen. Und bei der ACLU habe ich das alles verknüpft und die Struktur gesehen. Sie haben es sich wirklich zur Aufgabe gemacht, die Bürgerrechte allen bekannt zu machen und auch einzuklagen. Und das leuchtete mir sehr ein.
Als ich dann 1973 nach Deutschland gekommen bin, fing ich an Zeitung zu lesen. Und dabei bin ich auf Amnesty International gestoßen. Laut Bericht gab es in den USA mehr Amnesty-Mitglieder als in sonst einem Land, aber dort hatte ich nie von Amnesty International gehört. Warum? Die Mitgliederzahl in den USA bestand maßgeblich aus zahlenden Mitgliedern. Sie waren nicht aktiv. Sie waren nicht in Gruppen organisiert. Sie haben einfach sehr großzügig an Amnesty gespendet. Ich habe dann über die Arbeit von Amnesty gelesen und über Menschenrechtsverletzungen in ganz verschiedenen Ländern. Ich dachte, ja, das muss man angehen, stimmt. Das kann man nicht einfach diesen Ländern überlassen, in denen Menschen verfolgt sind. Ich habe mich dann aus diesem Einzelbeschäftigung mit mir und meinen Interessen rausgeholt und habe mich nach einer Amnesty-Gruppe umgesehen. Mein erster Versuch Ende der 1970er Jahre in Koblenz wurde nichts. Ich habe da eine Amnesty-Versammlung besucht und festgestellt, dass diese Studenten viel reden. Aber wo machen sie ganz konkret etwas? Wo packen Sie an? Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Gruppe das war, was ich gesucht habe. Ich habe da mit ein paar Mitgliedern sprechen können und habe dadurch, dass ich Englisch und Deutsch sprach, dann einige englische Texte ins Deutsche übersetzt. Aber ich wollte keine Übersetzerin für englische Texte, die Menschenrechtsverletzungen beschreiben, sein.
Erst als ich Anfang der 80er Jahre nach Bad Kreuznach gekommen bin, habe ich mich nochmal umgehört. Und da gab es eine Amnesty-Gruppe in Bad Sobernheim, damals nur Sobernheim. Die Gruppe war einige Jahre vor meiner Ankunft gegründet worden. Das waren fast alle Frauen. Und ich dachte mir, meine Güte, die sind aktiv. Guck, sie betreuen diese politischen Gefangenen. Und sie beteiligen sich auch gezielt an anderen Projekten und Aktionen zur Türkei, zu den USA, zum Iran und so fort. Das hatte auf einmal viel mehr Hand und Fuß. Und damit konnte ich was anfangen. Das war dann 1983 für mich der Beginn von einer sehr intensiven Beschäftigung, die für mich absolut elementar wurde und seitdem ganz klar zu meiner DNA gehört.
Wir haben komplett den Part übersprungen, wo Du Dich vorstellst. Liebe Marie, wie heißt Du, wo kommst Du her und wann bist Du geboren?
Mein Name ist Marie Elizabeth Weber. Meine Eltern kamen ursprünglich aus Bayern. Beide waren in die USA ausgewandert. Mein Vater 1929 und meine Mutter 1930. Sie haben sich in den USA kennengelernt und viel später dann erst geheiratet. Meine Mutter hat meinen Mittelnamen Elizabeth ausgesucht, weil sie so von der Königin in England angetan war. Also nicht die Königin Elisabeth, die vor nicht allzu lang gestorben ist, sondern von der Königin Mutter, die hieß auch Elizabeth. Und deswegen bekam ich diesen Namen mit einem Z in der Mitte. Nicht Deutsch, Elisabeth mit S, sondern schon mit Z. Ich bin am 17. März 1944 geboren, an St. Patrick’s Day. Patrick ist ein irischer Heiliger, der das Christentum nach Irland gebracht hat. St. Patrick’s Day ist etwas sehr Besonderes in den USA, da tragen alle grün für Patrick. Deswegen habe ich heute noch einen „soft spot in my heart for St. Patrick and for green“.
Meine Mutter wollte nicht, dass ihre Kinder einen Nachteil dadurch haben, dass die Eltern aus Europa bzw. Deutschland kommen. Deswegen hat sie von Anfang an mit uns Englisch gesprochen. Sie wollte nicht, dass wir uns in der Schule schwertun. Und wir haben uns auch nicht schwergetan. Mein jüngerer Bruder und ich waren beide aufmerksam, interessiert, aktiv. Wir haben uns eingebracht in der Schule. Es war eine gute Zeit.
Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass wir in unserer Schulzeit in den 1950ern und 1960ern und in dem Schulsystem, wie wir das kennengelernt haben, wirklich sehr gut betreut wurde. Die Lehrer haben uns immer darauf hingewiesen, wo wir etwas gut gemacht haben. Und uns dann weitere Tipps gegeben und uns mehr beigebracht. Das heißt, sie haben uns positive Impulse gegeben.
Ich kam 1973 mit Ende 20 nach Deutschland. Ich hatte meine Schulzeit hinter mich gebracht und zwei Jahre Deutsch an einem College in Baltimore unterrichtet. Ich habe in Deutschland angefangen, an einem Gymnasium als Englischlehrerin zu arbeiten. Dort hatte ich den Eindruck, dass die deutschen Kollegen eher den Finger immer wieder in die Wunde legen, dass sie den Schülern eher zu verstehen geben, was sie noch nicht können, statt was sie können. Der Fokus war ein ganz anderer, als in meiner Schulzeit. Dieser positive Ansatz, der hat mir zu Beginn wirklich gefehlt. Heute kann man das nicht mehr vergleichen, da hat sich einiges geändert.
Du hast ja gesagt, in deiner Schule waren alle sehr unterstützend und haben euch gestärkt. Hat Dir das bei deinem Engagement hinterher geholfen, zu wissen, dass du was kannst, im Gegensatz zu diesem Fehlerfokus?
Ja, ich habe über die vielen Jahre ein gesundes Selbstbewusstsein behalten. Und ich führe das auch auf die positive Behandlung in der Schule zurück. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich einiges kann und dass es auch etwas bewirkt, was ich mache. Ein gewisses Selbstbewusstsein habe ich schon als Jugendliche gehabt, obwohl ich immer mein eigenes Ding gemacht habe. Ich habe mich zum Beispiel nicht mit Mini-Rücken beschäftigt. Erst viel später, als die schon wieder aus der Mode waren, habe ich mal ein kürzeres Kleid gehabt. Ich habe immer das gemacht, was für mich wichtig war, und mich weniger nach allgemeinen Moden oder Verhaltensweisen gerichtet. Und wegen dieses Selbstbewusstseins war das möglich. Natürlich habe ich nie darunter gelitten.
Ich gebe jetzt ein ganz kurioses Beispiel. Ich war Studentin am St. Lawrence College im Bundesstaat New York, das war ganz weit im Norden, in der Nähe der kanadischen Grenze. Im Winter gab es sehr viel Schnee und es war sehr kalt. Ich bin dort wegen eines sehr großzügigen Stipendiums gelandet. Ich wusste nicht, dass St. Lawrence dafür bekannt war, dass die Studenten im Winter nur auf der Skipiste sind. Und wenn sie nicht im Winter Ski gefahren sind, ja, dann haben sie im Sommer Party gemacht. Sie waren in Verbindungen zusammengeschlossen, also „Sororities“ für die Mädchen, „Fraternities“ für die Jungen. Das war für mich einfach uninteressant. Und jeden Freitag- und Samstagabend waren Verbindungsfeste. Und die Mädchen in meinem ersten Jahr waren ganz scharf da drauf. Ich blieb im Studentenwohnheim zurück und habe Hausaufgaben gemacht, ein Buch gelesen oder irgendwas gemacht, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn die anderen gegen 22 Uhr / 23 Uhr zur Sperrstunde wieder zurückgekommen sind, haben sie mich gefragt: „Na Marie, ist alles hier in Ordnung? Hast du gut aufgepasst?“ Klar, habe ich gesagt. Ja, ja, die Gänge, die Zimmer, alles in Ordnung. Das hat mich nicht die Bohne gestört, dass die meisten anderen irgendwie meinten, sie müssen unbedingt feiern. Ich war zu der Zeit selbst schon kritisch genug und wusste, was ich wollte, so dass ich mich da nicht anschließen musste.
Das braucht auch eine gewisse Unabhängigkeit, um seinen eigenen Weg zu gehen.
Marie: Ja. Und das habe ich nicht unbedingt von meinen Eltern. Ich bin schon der Meinung, dass das ein Geschenk ist. Das gesunde Selbstbewusstsein, das ich mitbekommen habe, das ist einfach ein Geschenk und hat mir sehr viele gute Dienste geleistet.
Du hattest uns schon von deinem Lebensweg erzählt, wir sind stehen geblieben, als Du nach Bad Kreuznach gekommen bist und dann angefangen hast, dich in der Amnesty-Gruppe zu engagieren. Wie ist es mit deinem Engagement weitergegangen?
Kurz nachdem ich zur Gruppe gestoßen bin kam eine Nachricht – damals in Briefform – an die Gruppensprecherin. Wir möchten uns bitte um Flüchtlinge in Idar-Oberstein kümmern. Es ging ganz konkret um einen Mann aus Äthiopien, der aus seinem Land geflüchtet war, weil er politisch aktiv war. In Äthiopien bilden die Oromos die größte ethnische Gruppierung. Und er war Oromo, ist es noch, er ist noch am Leben heute, und hat versucht, mehr Rechte für seine ethnische Gruppe einzuklagen. Daraufhin musste er fliehen und kam über Umwege nach Berlin. Dort hat er Kontakt zu Amnesty aufgenommen und Amnesty war es ein Anliegen, ihn zu unterstützen. Er wurde dann nach Idar-Oberstein verteilt und so kamen wir dazu. Wir, sage ich, und meine ein oder zwei von uns. Ich wegen meiner Englischkenntnisse und auch noch meine Amnesty-Freundin, die viele, viele Jahre später meinte, wir hätten doch gar nicht so viel erreicht.
Wir haben ihn dann in Idar-Oberstein besucht. Dort lernten wir dann auch andere Flüchtlinge aus dem Libanon, aus Nigeria und aus Ghana kennen. Aber vor allem war es dieser Mann aus Äthiopien, wo wir uns wirklich reingekniet haben, ihn beraten und durch das Asylverfahren begleitet haben. Und das war dann das Kennenlernen, der erste Kontakt mit dem Asylverfahren hier in Deutschland und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Und was es eigentlich heißt, eine Anhörung zu bestehen.
Der Mann aus Äthiopien hat uns über andere Oromos in der Region informiert. Und so fing es an, dass wir ziemlich viel und weit in Rheinland-Pfalz gereist sind. Es wurde schnell klar, dass Beratungsbedarf bestand. Das heißt, dass Menschen nach Deutschland kommen, Asyl beantragen und dann einfach abwarten was passiert. Sie haben oft nicht verstanden, dass sie nur eine einzige wirkliche Möglichkeit haben, sich zu ihren Problemen und zu den Verfolgungsgründen zu äußern. Und dass alles darauf ankommt, dass sie bei der Anhörung beim Bundesamt wirklich zusammenhängend alles Wichtige erzählen.
„Ich habe keine Zeit mit Einkaufsbummeln verbracht, ich habe mich auch nicht viel mit Freunden getroffen, …“
– Marie
VWie bist du dann in der Beratung in der Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim gelandet?
Ich habe Ende der 1980er Jahre erfahren, dass es in Ingelheim eine Aufnahmeeinrichtung gibt. Ein Freund und ich haben uns dann beim zuständigen Ministerium als Amnesty-Mitglieder vorgestellt und gesagt, dass wir dort gerne Beratung anbieten würden. Und das war überhaupt kein Problem, man hat uns sogar willkommen geheißen. Wir haben in der Einrichtung ein Büro für die Beratung bekommen, dass wir uns mit der „Humanitären Hilfe“, die dort auch beraten hat, geteilt haben.
In der Einrichtung gab es einen hohen Beratungsbedarf. Wir mussten Termine machen und die Asylsuchenden haben einen Antrag auf ein Beratungsgespräch gestellt. Wir haben das dann abgearbeitet. Uns ist dann schnell klar geworden, dass einmal in der Woche viel zu wenig ist. Wir haben dann zwei bis drei Mal in der Woche unseren Sprechstunden in Ingelheim gemacht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war auch vor Ort, sodass man Gespräche mit den Mitarbeitern führen konnte. Dieser Austausch war gut, man wusste immer, wie die Perspektive des BAMF war und wie sie die Problematik in einem bestimmten Land beurteilen.
Kurze Zwischenfrage: Du hast als Lehrerin gearbeitet, wie hattest du die Zeit, dreimal die Woche in Ingelheim zu beraten?
Wahnsinn, Wahnsinn war das. Das war mir so wichtig. Das war mir so wichtig, dass das sein musste. Ich war mit dem Stundenplanmacher in der Schule sogar übereingekommen, dass ich am Freitag nur die ersten beiden Stunden unterrichte und dann nach Ingelheim kann. Und das war toll, er ist mir entgegengekommen. Der Grund war, dass ich dann am Freitagvormittag auch Rechtsanwälte kontaktieren konnte, wenn ich das Gefühl hatte, hier ist jetzt ein Rechtsanwalt nötig.
Das heißt, du hattest neben deinem Vollzeitjob noch ein sehr zeitintensives Ehrenamt. Wie viele Stunden Ehrenamt in der Woche hast Du investiert?
Ja, ich habe Vollzeit als Lehrerin gearbeitet und praktisch Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe mich schon gut auf meine Unterrichtsstunden in der Schule vorbereitet. Und ich habe über eine lange Zeit wirklich jeden Tag, wenn ich nach Hause gekommen bin, Fälle aufgearbeitet. Ich habe keine Zeit mit Einkaufsbummeln verbracht, ich habe mich auch nicht viel mit Freunden getroffen, telefoniert habe ich schon, aber im Grunde genommen habe ich für viele Jahre auf zwei Hochzeiten getanzt. Es war mir einfach wichtig.
Hast Du am Wochenende dann auch so viel gemacht?
Am Wochenende sowieso, oh ja. Aber das war einfach klar, das ist etwas, was einfach wichtig war. Und in meinem Leben hat das dann eine so wichtige, zentrale Rolle gespielt, dass ich dachte, jawohl, da wollen wir schauen, was wir hier erreichen können, was wir hier machen können. Das war einfach so. Und auch in den 90er Jahren sind an mir andere Themen vorbeigegangen, Stichwort Rassismus usw., weil ich immer sehr fokussiert auf meine Arbeit war, die ich mir da ausgesucht hatte und abgesteckt hatte.
„2014 und 2015 war dann in Bad Kreuznach so viel los mit Flüchtlingen, dass mir klar war, ich muss mich darauf konzentrieren können.“
– Marie
Hast du den Dienst früher quittiert, als zur Regel-Rentenzeit?
Ganz genau. Ich bin 2004 mit 60 Jahren ausgestiegen, wohl wissend, dass ich dann weniger Rente habe später. Aber ich dachte, also hier wollen so viele Leute noch mit mir sprechen. „Bitte, Frau Weber, kann ich einen Termin bei Ihnen haben?“ So dass ich 2004 einfach gesagt habe, nein, ich bringe jetzt den Schuldienst zu Ende. Und das war gut so, weil ich gemerkt habe, dass die Schüler im Grunde genommen mit sich beschäftigt waren und da kann auch ein anderer Kollege denen etwas Englisch beibringen. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Energie anders einsetzen musste. Das war dann klar. Obwohl es mich immer wieder freut, wenn ich Schüler wieder sehe. Ich wurde in der Schule immer „Miss Weber“ genannt und wenn in der Stadt oder im Supermarkt oder irgendwo jemand „Hallo Miss Weber“ sagt, denke ich, oh, das muss Schule gewesen sein und freue mich. Und von den Rückmeldungen her denke ich, ich habe so lange, wie ich konnte, meine Sache gut gemacht, aber es war einfach sinnvoll da aufzuhören.
2014 und 2015 war dann in Bad Kreuznach so viel los mit Flüchtlingen, dass mir klar war, ich muss mich darauf konzentrieren können. Ich habe dann in Ingelheim aufgehört, damit ich hier noch mehr machen konnte.
Weil die Flüchtlingszahlen relativ stark gestiegen sind damals?
Ja, genau. Seit 2005 war ich auch nebenbei stellvertretende Amnesty-Mitglied in der Härtefallkommission[S1] [MW2] hier in Rheinland-Pfalz. Das aktivste Mitglied von Amnesty schlechthin, Heiko Müller aus Neustadt, war das Haupt-Mitglied. Heiko hat keine Sitzung versäumt und ich habe jahrelang von Heiko gehört, wie es in der Härtefallkommission ausschaut. Er ist dann leider aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten und bald darauf gestorben. Ich bin dann 2014 aktives Mitglied in der Härtefallkommission geworden. Ich war dort bis Mitte 2021 tätig. Ich war sehr beschäftigt mit den Sitzungen in Mainz und der Vorbereitung von Fällen, die man da eingebracht hat. Das war alles mit viel Arbeit verbunden.
Du hast auch weiter Asylverfahrensberatung gemacht und Ehrenamtliche beraten und fortgebildet, richtig?
Marie: Ja klar, hier im Gebiet. Bis 2020 die Pandemie kam. Die hat natürlich alles abrupt anders gemacht. Man konnte sich nicht mehr so oft treffen, da war schon die ganze Arbeit etwas ausgebremst. Wir hatten hier noch einen Arbeitskreis Asyl, der weiter Beratung gemacht hat. Das war unabhängig von der Amnesty-Asylberatung. Nach der Pandemie ist leider einiges ausgelaufen. Gleichzeitig ist mir in den letzten Jahren bewusst geworden, dass mein Kopf und meine Kräfte nachgelassen haben. Das muss ich einfach anerkennen und akzeptieren. 2022 haben wir uns als Arbeitskreis Asyl zurückgezogen. Ende 2023 hat unsere Amnesty-Gruppe geschlossen. Wir haben die Gruppe geschlossen, weil wir keinen Nachwuchs hatten. Die Arbeitsweise, die wir viele Jahre lang an den Tag gelegt haben, uns regelmäßig zu treffen, Fälle und Projekte zu entwickeln und wirklich Hand anlegen und so. Ja, da wird nicht mehr so gearbeitet, wie wir das gemacht haben und wie wir auch erfolgreich gemacht haben. Die Zeiten haben sich geänder
Man kann beide Perspektiven verstehen, oder?
Marie: Ja, aber ich könnte damit nichts anfangen. Im Grunde genommen war es schon sehr viel und sehr vielfältig, was ich über die Jahre gemacht habe. Und es war nicht das Ergebnis, das für mich ausschlaggebend war. Es waren vielmehr die konkreten Problematiken und die Schicksale einzelner, die mich wirklich animiert haben, etwas zu unternehmen.
Ja, das ist eigentlich eine gute Einstellung, denn das kann dir keiner wegnehmen. Wenn man denkt, dass man sich mit voller Energie für eine bessere Welt einsetzt und dann wird alles immer schlechter, dann kann man schon verzweifeln.
Es geht um die Sache, und auch um die Menschenrechte. Nur weil sie jetzt noch nicht verwirklicht sind, heißt es nicht, dass wir nicht kämpfen sollen. Ich finde das von vornherein einfach klar, dass es Sachen gibt, für die wir uns stark machen und einsetzen sollen.
„Die Täter bei den Brandanschlägen im Westen, in Solingen oder im niederrheinischen Hünxe, wurden eher als Einzeltäter geframed, während es im Osten dann eher als Massenbewegung gesehen wurde.“
– Anton
Wie bist du zur Antifa gekommen?
Es gab nach den Pogromen von Rostock eine Demonstration von der Antifa. Das war das erste Mal, dass ich die Antifa bewusst wahrgenommen habe. Ich war dann auch auf dieser Demonstration und bin eigentlich seitdem bei der Antifa dabei gewesen.
Du hattest mir vor dem Interview die Broschüre[S1] geschickt, die ist übrigens total interessant. Da habe ich von dem Pogrom in Mannheim [S2] gelesen, das kaum bekannt ist. Hast du das damals auch mitbekommen?
Ja, aber nur über die Medien. Aber auch damals hat man das schon nicht so prominent mitgekriegt, wie z. B. die Pogrome in Rostock und Hoyerswerda. Und im Osten gab es ja auch noch mehrere solcher größeren Ausschreitungen. Im damaligen Diskurs wurde das als „Ostproblem“ gelabelt. Da wurde das Thema Pogrom in Mannheim dann irgendwie unter den Tisch fallen gelassen. Ich fand es schon damals sehr bezeichnend, dass das kaum bekannt war.
Gegen dieses Narrativ, dass Rechtsextremismus ein „Ostproblem“ ist, spricht schon der Brandanschlag in Solingen. In dem Beitrag der Amadeu Antonio Stiftung zum „vergessenen Pogrom[S3] von Mannheim Schönau“ steht, dass eine ganze Woche lang ein aufgebrachter und gewaltsamer Mob Abend für Abend kurdische, jugoslawische und „afrikanische“ Geflüchtete in einer Asylunterkunft angegriffen hat. Mich wundert, dass das so wenig bekannt ist. Ich habe das heute wirklich zum allerersten Mal gelesen.
Die Täter bei den Brandanschlägen im Westen, in Solingen oder im niederrheinischen Hünxe, wurden eher als Einzeltäter geframed, während es im Osten dann eher als Massenbewegung gesehen wurde. Dem widersprechen die Ereignisse in Mannheim.
Gab es für dich ein prägendes Ereignis, das dich besonders beeinflusst hat?
Für mich persönlich kann ich das nicht sagen. Es gab diese medialen Ereignisse, die deutschlandweit passiert sind. Rostock war sehr, sehr prägend. Hoyerswerda vorher auch. Später dann auch der Brandanschlag in Lübeck mit zehn Toten, der dann einem Flüchtling in die Schuhe geschoben wurde. Das war auch ein Thema, das uns stark und lange bewegt hat. Anfang der 90er war dieses Bewusstsein da, das alles irgendwie immer schlimmer wird. Gerade der Brandanschlag in Lübeck hat gezeigt, dass trotz offenkundiger Belege nicht gegen die Nazis vorgegangen wird. Stattdessen wurde erst mal ein Flüchtling inhaftiert. Das hat ein Gefühl von Verzweiflung ausgelöst und Angst, wie die Zukunft aussehen wird.
Hast Du vor dem Hintergrund gedacht, okay, ich muss was machen.
Ja, diese ganzen Ereignisse sind auf jeden Fall für mich der Grund gewesen, mich zu engagieren.
„Und ansonsten waren wir präsent in der Stadt, das war im Grunde genommen auch eine Art antifaschistisches Engagement, dass wir den Rechten die Räume da genommen haben.“
– Anton
In welcher Form hast Du Dich noch gegen rechts engagiert?
Als Mitglied der Antifa-Wittlich. Wir haben, wie schon gesagt, subkulturell ausgerichtete Konzerte organisiert, dann den Rattenfänger herausgegeben, der sich dann als Fanzine entwickelt hat. Wir haben z. B. auch Büchertische bei Konzerten und regionalen Festivals gemacht. Da lagen unsere Flugblätter aus, die wir zu verschiedenen Sachen geschrieben haben, dann haben wir Aufkleber gehabt, die relativ gut gingen und wir haben versucht, Bücher und Broschüren von linken Verlagen, die wir bestellt hatten, weiter zu verkaufen. Das lief eher so ein bisschen schleppend. Die Flugblätter haben wir auch zu anderen Gelegenheiten verteilt. Wir sind öfter auf Demos gefahren und haben uns mit anderen Gruppen vernetzt. Und ansonsten waren wir präsent in der Stadt, das war im Grunde genommen auch eine Art antifaschistisches Engagement, dass wir den Rechten die Räume da genommen haben.
Du hattest mir im Vorhinein eure Broschüre geschickt. Habt ihr als Schüler*innen den Anfang geschrieben oder hattet ihr Unterstützung von Älteren? Ich war von dem Abstraktionslevel und von dem Analyselevel bei einer sehr, sehr jungen Antifa sehr positiv überrascht, vor allem für die Zeit. In den 90er Jahren war das Internet noch nicht so verbreitet und die Informationsbeschaffung schwieriger.
Also wir haben die Broschüre komplett selber gemacht. Wir haben Medien wie das Antifa-Infoblatt, das Magazin „Der Rechte Rand“ und die Zeitschrift Interim gelesen. Das war ohne Internet wirklich anders als heute. Dadurch, dass man Kontakte zu anderen Gruppen hatte, kam man immer wieder an Zeitschriften und dann hat man die abonniert. Da waren meistens Anzeigen für weitere Zeitschriften in den Zeitschriften. Die haben wir gesehen und hat die wieder angeschrieben und so hat man die ganzen linken Zeitungen, die es damals so gab, durchprobiert und nach und nach kennengelernt. Von daher hat man die Diskussion schon mitgekriegt. Aber nicht auf einem linken, eher intellektuelleren Niveau, sondern eher auf einem Antifa-Aktionsniveau.