Marie

Engagement

„Ich denke schon, dass wir bei den Menschen was bewegt haben.“

Marie Weber hält einen Flyer von Amnesty international in die Kamera

Vor kurzem habe ich mich mit einer guten Amnesty-Freundin unterhalten. Sie und ich haben hier in Bad Kreuznach über 40 Jahre lang bei Amnesty-International Menschenrechtsarbeit gemacht – und nicht wenig. Wir haben sehr intensiv gearbeitet und uns ins Zeug gelegt und meine Freundin sagte mir vor nicht allzu langer Zeit: „Was hat das schon genutzt? Guck, wie jetzt alles ausschaut und wie die Entwicklung ist. Das war alles irgendwie ohne Wirkung oder umsonst.“ Und das konnte ich nicht stehen lassen. Und ich habe sofort gemeint, nein, so ist es nicht. Das, was wir gemacht haben, hatte Hand und Fuß, hat auch für heute noch Bedeutung. Und ich denke schon, dass wir bei den Menschen etwas bewegt haben und dass viele Menschen aufgehorcht haben, wenn wir mit einem Anliegen gekommen sind. Sie ist eher resigniert und ich sagte ihr, nein, wir müssen einfach dranbleiben. Es lohnt sich immer, wenn wir Sachen sehen, die nicht in Ordnung sind, dass wir uns äußern und sagen, dass es nicht gut und nicht akzeptabel ist. Und das hat mich einfach traurig gemacht, dass diese gute Freundin, mit der ich viel gemacht habe über die Jahre, das im Nachhinein ganz anders sieht und das Gefühl hat, dass das nicht so effektiv war.

Man kann beide Perspektiven verstehen, oder?

Ja, aber ich könnte damit nichts anfangen. Im Grunde genommen war es schon sehr viel und sehr vielfältig, was ich über die Jahre gemacht habe. Und es war nicht das Ergebnis, das für mich ausschlaggebend war. Es waren vielmehr die konkreten Problematiken und die Schicksale einzelner, die mich wirklich animiert haben, etwas zu unternehmen.

Ja, das ist eigentlich eine gute Einstellung, denn das kann dir keiner wegnehmen. Wenn man denkt, dass man sich mit voller Energie für eine bessere Welt einsetzt und dann wird alles immer schlechter, dann kann man schon verzweifeln.

Es geht um die Sache, und auch um die Menschenrechte. Nur weil sie jetzt noch nicht verwirklicht sind, heißt es nicht, dass wir nicht kämpfen sollen. Ich finde das von vornherein einfach klar, dass es Sachen gibt, für die wir uns stark machen und einsetzen sollen.

Engagement

„Das war dann 1983 für mich der Beginn von einer sehr intensiven Beschäftigung, die für mich absolut elementar wurde und seitdem ganz klar zu meiner DNA gehört.“

Ich habe überlegt, wann ich angefangen habe, mich über das Thema Menschenrechte zu informieren und etwas machen zu wollen. Ich denke lange Zeit habe ich nicht darüber nachgedacht. In meiner Schulzeit in den USA war ich zwar auch sehr aktiv, aber da war ich für mich aktiv. Ich war im Schülerparlament und habe viel Sport gemacht. Nach der Schule, als ich in New York studiert habe, bin ich auf eine Organisation aufmerksam geworden: die American Civil Liberties Union (ACLU). Da habe ich mich dann informiert und bin zahlendes Mitglied geworden. Die ACLU gibt es inzwischen seit 1920. Sie setzt sich für Bürgerrechte, für die Rechte der Menschen ganz allgemein und für Meinungsfreiheit ein. Sie kämpft gegen Unrecht oder Diskriminierungen. Und sie bezieht sich immer auf die Verfassung. Als Studentin habe ich gesehen, dass sie sich auch für Schwarze, deren Rechte beschnitten worden sind, eingesetzt hat. Die ACLU hat es als ihre Aufgabe gesehen, die Bevölkerung wirklich zu informieren, so dass die Menschen merken, dass diese Rechte, wenn sie da beschnitten werden, eigentlich uns alle angehen. Deswegen habe ich die Organisation unterstützt, weil sie viele Menschen erreicht hat mit ihren Anliegen. Heute ist die ACLU wahrscheinlich sehr beschäftigt.

Wann genau war das? War das zeitgleich mit dem Civil Rights Movement?

Das war Mitte der 1960er Jahre bis Anfang der 1970er Jahre. Martin Luther Kings berühmte Rede „I have a dream“ war bereits 1963. Fünf Jahre später 1968 oder 1969, bin ich mit Freunden und mit meinem Bruder nach Washington zu einem Solidaritätsmarsch gefahren. Wir sind genau die Route gelaufen, die Martin Luther King damals gelaufen ist. Da ging es auch um die Bürgerrechte (Civil Rights), die eigentlich einem jeden zustehen.

Deine prägenden Jahre waren somit eine ganz spannende politische Zeit?

Das stimmt. Du bist da richtig drin groß geworden, in dem Movement. Ich weiß zum Beispiel ganz genau wo ich an meinem College war, als John F. Kennedy 1963 ermordet wurde. Solche Sachen haben sich bei mir eingeprägt. Aber das waren alles noch individuelle Ereignisse für mich, das will ich damit sagen. Und bei der ACLU habe ich das alles verknüpft und die Struktur gesehen. Sie haben es sich wirklich zur Aufgabe gemacht, die Bürgerrechte allen bekannt zu machen und auch einzuklagen. Und das leuchtete mir sehr ein.

Als ich dann 1973 nach Deutschland gekommen bin, fing ich an Zeitung zu lesen. Und dabei bin ich auf Amnesty International gestoßen. Laut Bericht gab es in den USA mehr Amnesty-Mitglieder als in sonst einem Land, aber dort hatte ich nie von Amnesty International gehört. Warum? Die Mitgliederzahl in den USA bestand maßgeblich aus zahlenden Mitgliedern. Sie waren nicht aktiv. Sie waren nicht in Gruppen organisiert. Sie haben einfach sehr großzügig an Amnesty gespendet. Ich habe dann über die Arbeit von Amnesty gelesen und über Menschenrechtsverletzungen in ganz verschiedenen Ländern. Ich dachte, ja, das muss man angehen, stimmt. Das kann man nicht einfach diesen Ländern überlassen, in denen Menschen verfolgt sind. Ich habe mich dann aus diesem Einzelbeschäftigung mit mir und meinen Interessen rausgeholt und habe mich nach einer Amnesty-Gruppe umgesehen. Mein erster Versuch Ende der 1970er Jahre in Koblenz wurde nichts. Ich habe da eine Amnesty-Versammlung besucht und festgestellt, dass diese Studenten viel reden. Aber wo machen sie ganz konkret etwas? Wo packen Sie an? Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Gruppe das war, was ich gesucht habe. Ich habe da mit ein paar Mitgliedern sprechen können und habe dadurch, dass ich Englisch und Deutsch sprach, dann einige englische Texte ins Deutsche übersetzt. Aber ich wollte keine Übersetzerin für englische Texte, die Menschenrechtsverletzungen beschreiben, sein.

Erst als ich Anfang der 80er Jahre nach Bad Kreuznach gekommen bin, habe ich mich nochmal umgehört. Und da gab es eine Amnesty-Gruppe in Bad Sobernheim, damals nur Sobernheim. Die Gruppe war einige Jahre vor meiner Ankunft gegründet worden. Das waren fast alle Frauen. Und ich dachte mir, meine Güte, die sind aktiv. Guck, sie betreuen diese politischen Gefangenen. Und sie beteiligen sich auch gezielt an anderen Projekten und Aktionen zur Türkei, zu den USA, zum Iran und so fort. Das hatte auf einmal viel mehr Hand und Fuß. Und damit konnte ich was anfangen. Das war dann 1983 für mich der Beginn von einer sehr intensiven Beschäftigung, die für mich absolut elementar wurde und seitdem ganz klar zu meiner DNA gehört.

Wir haben komplett den Part übersprungen, wo Du Dich vorstellst. Liebe Marie, wie heißt Du, wo kommst Du her und wann bist Du geboren?

Mein Name ist Marie Elizabeth Weber. Meine Eltern kamen ursprünglich aus Bayern. Beide waren in die USA ausgewandert. Mein Vater 1929 und meine Mutter 1930. Sie haben sich in den USA kennengelernt und viel später dann erst geheiratet. Meine Mutter hat meinen Mittelnamen Elizabeth ausgesucht, weil sie so von der Königin in England angetan war. Also nicht die Königin Elisabeth, die vor nicht allzu lang gestorben ist, sondern von der Königin Mutter, die hieß auch Elizabeth. Und deswegen bekam ich diesen Namen mit einem Z in der Mitte. Nicht Deutsch, Elisabeth mit S, sondern schon mit Z. Ich bin am 17. März 1944 geboren, an St. Patrick’s Day. Patrick ist ein irischer Heiliger, der das Christentum nach Irland gebracht hat. St. Patrick’s Day ist etwas sehr Besonderes in den USA, da tragen alle grün für Patrick. Deswegen habe ich heute noch einen „soft spot in my heart for St. Patrick and for green“.

Meine Mutter wollte nicht, dass ihre Kinder einen Nachteil dadurch haben, dass die Eltern aus Europa bzw. Deutschland kommen. Deswegen hat sie von Anfang an mit uns Englisch gesprochen. Sie wollte nicht, dass wir uns in der Schule schwertun. Und wir haben uns auch nicht schwergetan. Mein jüngerer Bruder und ich waren beide aufmerksam, interessiert, aktiv. Wir haben uns eingebracht in der Schule. Es war eine gute Zeit.

Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass wir in unserer Schulzeit in den 1950ern und 1960ern und in dem Schulsystem, wie wir das kennengelernt haben, wirklich sehr gut betreut wurde. Die Lehrer haben uns immer darauf hingewiesen, wo wir etwas gut gemacht haben. Und uns dann weitere Tipps gegeben und uns mehr beigebracht. Das heißt, sie haben uns positive Impulse gegeben.

Ich kam 1973 mit Ende 20 nach Deutschland. Ich hatte meine Schulzeit hinter mich gebracht und zwei Jahre Deutsch an einem College in Baltimore unterrichtet. Ich habe in Deutschland angefangen, an einem Gymnasium als Englischlehrerin zu arbeiten. Dort hatte ich den Eindruck, dass die deutschen Kollegen eher den Finger immer wieder in die Wunde legen, dass sie den Schülern eher zu verstehen geben, was sie noch nicht können, statt was sie können. Der Fokus war ein ganz anderer, als in meiner Schulzeit. Dieser positive Ansatz, der hat mir zu Beginn wirklich gefehlt. Heute kann man das nicht mehr vergleichen, da hat sich einiges geändert.

Du hast ja gesagt, in deiner Schule waren alle sehr unterstützend und haben euch gestärkt. Hat Dir das bei deinem Engagement hinterher geholfen, zu wissen, dass du was kannst, im Gegensatz zu diesem Fehlerfokus?

Ja, ich habe über die vielen Jahre ein gesundes Selbstbewusstsein behalten. Und ich führe das auch auf die positive Behandlung in der Schule zurück. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich einiges kann und dass es auch etwas bewirkt, was ich mache. Ein gewisses Selbstbewusstsein habe ich schon als Jugendliche gehabt, obwohl ich immer mein eigenes Ding gemacht habe. Ich habe mich zum Beispiel nicht mit Mini-Rücken beschäftigt. Erst viel später, als die schon wieder aus der Mode waren, habe ich mal ein kürzeres Kleid gehabt. Ich habe immer das gemacht, was für mich wichtig war, und mich weniger nach allgemeinen Moden oder Verhaltensweisen gerichtet. Und wegen dieses Selbstbewusstseins war das möglich. Natürlich habe ich nie darunter gelitten.

Ich gebe jetzt ein ganz kurioses Beispiel. Ich war Studentin am St. Lawrence College im Bundesstaat New York, das war ganz weit im Norden, in der Nähe der kanadischen Grenze. Im Winter gab es sehr viel Schnee und es war sehr kalt. Ich bin dort wegen eines sehr großzügigen Stipendiums gelandet. Ich wusste nicht, dass St. Lawrence dafür bekannt war, dass die Studenten im Winter nur auf der Skipiste sind. Und wenn sie nicht im Winter Ski gefahren sind, ja, dann haben sie im Sommer Party gemacht. Sie waren in Verbindungen zusammengeschlossen, also „Sororities“ für die Mädchen, „Fraternities“ für die Jungen. Das war für mich einfach uninteressant. Und jeden Freitag- und Samstagabend waren Verbindungsfeste. Und die Mädchen in meinem ersten Jahr waren ganz scharf da drauf. Ich blieb im Studentenwohnheim zurück und habe Hausaufgaben gemacht, ein Buch gelesen oder irgendwas gemacht, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn die anderen gegen 22 Uhr / 23 Uhr zur Sperrstunde wieder zurückgekommen sind, haben sie mich gefragt: „Na Marie, ist alles hier in Ordnung? Hast du gut aufgepasst?“ Klar, habe ich gesagt. Ja, ja, die Gänge, die Zimmer, alles in Ordnung. Das hat mich nicht die Bohne gestört, dass die meisten anderen irgendwie meinten, sie müssen unbedingt feiern. Ich war zu der Zeit selbst schon kritisch genug und wusste, was ich wollte, so dass ich mich da nicht anschließen musste.

Das braucht auch eine gewisse Unabhängigkeit, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Ja. Und das habe ich nicht unbedingt von meinen Eltern. Ich bin schon der Meinung, dass das ein Geschenk ist. Das gesunde Selbstbewusstsein, das ich mitbekommen habe, das ist einfach ein Geschenk und hat mir sehr viele gute Dienste geleistet.

Du hattest uns schon von deinem Lebensweg erzählt, wir sind stehen geblieben, als Du nach Bad Kreuznach gekommen bist und dann angefangen hast, dich in der Amnesty-Gruppe zu engagieren. Wie ist es mit deinem Engagement weitergegangen?

Kurz nachdem ich zur Gruppe gestoßen bin kam eine Nachricht – damals in Briefform – an die Gruppensprecherin. Wir möchten uns bitte um Flüchtlinge in Idar-Oberstein kümmern. Es ging ganz konkret um einen Mann aus Äthiopien, der aus seinem Land geflüchtet war, weil er politisch aktiv war. In Äthiopien bilden die Oromos die größte ethnische Gruppierung. Und er war Oromo, ist es noch, er ist noch am Leben heute, und hat versucht, mehr Rechte für seine ethnische Gruppe einzuklagen. Daraufhin musste er fliehen und kam über Umwege nach Berlin. Dort hat er Kontakt zu Amnesty aufgenommen und Amnesty war es ein Anliegen, ihn zu unterstützen. Er wurde dann nach Idar-Oberstein verteilt und so kamen wir dazu. Wir, sage ich, und meine ein oder zwei von uns. Ich wegen meiner Englischkenntnisse und auch noch meine Amnesty-Freundin, die viele, viele Jahre später meinte, wir hätten doch gar nicht so viel erreicht.

Wir haben ihn dann in Idar-Oberstein besucht. Dort lernten wir dann auch andere Flüchtlinge aus dem Libanon, aus Nigeria und aus Ghana kennen. Aber vor allem war es dieser Mann aus Äthiopien, wo wir uns wirklich reingekniet haben, ihn beraten und durch das Asylverfahren begleitet haben. Und das war dann das Kennenlernen, der erste Kontakt mit dem Asylverfahren hier in Deutschland und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Und was es eigentlich heißt, eine Anhörung zu bestehen.

Der Mann aus Äthiopien hat uns über andere Oromos in der Region informiert. Und so fing es an, dass wir ziemlich viel und weit in Rheinland-Pfalz gereist sind. Es wurde schnell klar, dass Beratungsbedarf bestand. Das heißt, dass Menschen nach Deutschland kommen, Asyl beantragen und dann einfach abwarten was passiert. Sie haben oft nicht verstanden, dass sie nur eine einzige wirkliche Möglichkeit haben, sich zu ihren Problemen und zu den Verfolgungsgründen zu äußern. Und dass alles darauf ankommt, dass sie bei der Anhörung beim Bundesamt wirklich zusammenhängend alles Wichtige erzählen.

Rassismus

„Man darf die Schutz­­suchenden nicht einfach ins kalte Wasser schmeißen.“

Wie war dein erster Eindruck vom Asylverfahren?

Einfach, dass es sehr viel von einem verlangt und dass die Menschen, die zu uns kommen – und das ist bis heute so – sehr oft psychisch unruhig, aufgebracht und traumatisiert sind. Das heißt, mir ist ziemlich schnell klar geworden, dass es wirklich schwierig für sie ist, in diesem Zustand in der Anhörung gut zu bestehen.

Die Menschen kommen hierher, haben aber eigentlich nicht verstanden, was es heißt, Asyl zu beantragen und was dazu gehört. Hier und da hat jemand mir gesagt: „Sie haben wahrscheinlich diesem geflüchteten Mann erzählt, was er am besten sagt“. Und darauf habe ich geantwortet: Wie bitte? Natürlich nicht. Ich habe jedem Einzelnen versucht zu sagen, dass sie das, was sie aus ihrem Land getrieben hat, wovor sie Angst hatten, wo sie Verfolgung gelitten haben, das müssen sie ganz klar und deutlich zum Ausdruck bringen.

Es war schon auffallend, dass die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, nicht die Ruhe hatten, sich zu sammeln und wirklich vernünftig Stellung zu beziehen. Das war in ihrer Situation nicht möglich. Und so haben wir dann mit der Zeit die ganzen Fragen, die im Asylverfahren gestellt werden, gesammelt und vervielfältigt. Wir haben sie nicht den Asylsuchenden gegeben, sondern für uns Berater genutzt, damit wir den Menschen klar machen konnten, welche ihrer Erlebnisse wichtig werden könnten.

Und weil ich mit so vielen Menschen gesprochen habe, ist mir immer bewusster geworden, was es für Zustände in verschiedenen Ländern gibt. Das kann einen wirklich umhauen. Da ich die Lage in den Ländern nicht verändern konnte, war es mein Hauptanliegen, die Menschen die in Deutschland Schutz suchen möglichst gut zu betreuen und aufzufangen.

Manche Menschen sind psychisch wirklich belastet. Ich sehe sie hier noch in Bad Kreuznach, der eine oder andere Afrikaner zum Beispiel, mit dem ich schon vor 30 Jahren zu tun hatte. Und ich denke mir, das ist immer noch eine verlorene Seele, die hier auf dem Bürgersteig geht gerade. Man kann nicht jedem beistehen, wie man möchte, weil der Mensch vielleicht traumatisiert ist, nicht so angekommen ist, wie er wollte, oder nicht akzeptiert worden ist. You can only do so much. Und das war mir schon klar, dass es nicht immer ein Happy End gibt, aber es war auch klar, dass man da ansetzen muss, wo man eben meint, dass man ansetzen kann, wenn man ein bisschen was davon versteht. Und das war für mich vor allem dieses Asylsystem.

Findest du das deutsche Asylsystem fair?

Mehr ja als nein. Aber eben nur, wenn es mit Beratung zusammenhängt. Man darf die Schutzsuchenden nicht einfach ins kalte Wasser schmeißen und sich selbst überlassen. Das System ist schon durchdacht. Und oftmals konnte man, wenn eine negative Entscheidung beim Bundesamt gefällt worden war, weiter zum Verwaltungsgericht gehen, Klage erheben und in sehr vielen Fällen entweder Asyl oder subsidiären Schutz erreichen.  

Engagement

„Ich habe keine Zeit mit Einkaufs­bummeln verbracht, ich habe mich auch nicht viel mit Freunden getroffen, …“

Wie bist du dann in der Beratung in der Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim gelandet?

Ich habe Ende der 1980er Jahre erfahren, dass es in Ingelheim eine Aufnahmeeinrichtung gibt. Ein Freund und ich haben uns dann beim zuständigen Ministerium als Amnesty-Mitglieder vorgestellt und gesagt, dass wir dort gerne Beratung anbieten würden. Und das war überhaupt kein Problem, man hat uns sogar willkommen geheißen. Wir haben in der Einrichtung ein Büro für die Beratung bekommen, dass wir uns mit der „Humanitären Hilfe“, die dort auch beraten hat, geteilt haben.  

In der Einrichtung gab es einen hohen Beratungsbedarf. Wir mussten Termine machen und die Asylsuchenden haben einen Antrag auf ein Beratungsgespräch gestellt. Wir haben das dann abgearbeitet. Uns ist dann schnell klar geworden, dass einmal in der Woche viel zu wenig ist. Wir haben dann zwei bis drei Mal in der Woche unseren Sprechstunden in Ingelheim gemacht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war auch vor Ort, sodass man Gespräche mit den Mitarbeitern führen konnte. Dieser Austausch war gut, man wusste immer, wie die Perspektive des BAMF war und wie sie die Problematik in einem bestimmten Land beurteilen.

Kurze Zwischenfrage: Du hast als Lehrerin gearbeitet, wie hattest du die Zeit, dreimal die Woche in Ingelheim zu beraten?

Wahnsinn, Wahnsinn war das. Das war mir so wichtig. Das war mir so wichtig, dass das sein musste. Ich war mit dem Stundenplanmacher in der Schule sogar übereingekommen, dass ich am Freitag nur die ersten beiden Stunden unterrichte und dann nach Ingelheim kann. Und das war toll, er ist mir entgegengekommen. Der Grund war, dass ich dann am Freitagvormittag auch Rechtsanwälte kontaktieren konnte, wenn ich das Gefühl hatte, hier ist jetzt ein Rechtsanwalt nötig.

Das heißt, du hattest neben deinem Vollzeitjob noch ein sehr zeitintensives Ehrenamt. Wie viele Stunden Ehrenamt in der Woche hast Du investiert?

Ja, ich habe Vollzeit als Lehrerin gearbeitet und praktisch Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe mich schon gut auf meine Unterrichtsstunden in der Schule vorbereitet. Und ich habe über eine lange Zeit wirklich jeden Tag, wenn ich nach Hause gekommen bin, Fälle aufgearbeitet. Ich habe keine Zeit mit Einkaufsbummeln verbracht, ich habe mich auch nicht viel mit Freunden getroffen, telefoniert habe ich schon, aber im Grunde genommen habe ich für viele Jahre auf zwei Hochzeiten getanzt. Es war mir einfach wichtig.

Hast Du am Wochenende dann auch so viel gemacht?

Am Wochenende sowieso, oh ja. Aber das war einfach klar, das ist etwas, was einfach wichtig war. Und in meinem Leben hat das dann eine so wichtige, zentrale Rolle gespielt, dass ich dachte, jawohl, da wollen wir schauen, was wir hier erreichen können, was wir hier machen können. Das war einfach so. Und auch in den 90er Jahren sind an mir andere Themen vorbeigegangen, Stichwort Rassismus usw., weil ich immer sehr fokussiert auf meine Arbeit war, die ich mir da ausgesucht hatte und abgesteckt hatte.

Rassismus

„Wie menschen­verachtend ist das, dass der schutz­suchende Mensch an diesem Fenster steht und erklären muss, um etwas bitten muss, während der ganze Verkehr in die Kreis­verwaltung rein und raus geht, … .“

Das habe ich mich aber tatsächlich auch gefragt. Du warst ja wahrscheinlich ab und an dabei, wenn die geflüchteten Menschen Termine mit Behörden, Ärzt*innen und mit allen möglichen Leuten hatten. Hast du da nicht dich manchmal gewundert, wie die behandelt werden oder war das nicht auffällig?

In Ingelheim nicht, hier ja. Bei einzelnen Fällen, die ich über längere Zeit hier im Kreis Bad Kreuznach betreut und begleitet habe, da ist mir schon einiges aufgefallen, was mir gar nicht gefallen hat. Es fängt damit an, dass ich festgestellt habe, dass wenn ich jemanden zur Ausländerbehörde oder zum Sozialamt begleitet habe, derjenige überhaupt nicht gebeten wurde, Platz zu nehmen. Es wurde auch nicht so viel Rücksicht darauf genommen, dass derjenige wirklich verstanden hat, was ihm gesagt worden ist. Wenn das auf der Kreisverwaltung passiert ist, habe ich gedacht, die haben doch sogar einen Dolmetscherpool. Die müssten doch auch daran interessiert sein, dass dieser Mensch die Informationen wirklich verstehen kann, weil es doch wichtige Inhalte sind. Ja, also hier und da ist mir was aufgefallen.

Ich war ein paar Mal alleine bei den Ausländerbehördenmitarbeitern. Einmal hat man mich gefragt: „Wieso kommen sie alleine, wieso ist der Herr sowieso aus Bosnien nicht mit dabei?“ Ich sagte ganz ehrlich, dass er Angst hat verhaftet zu werden. Darauf entgegnete er: „Ich verhafte, wen ich will.“ Sauber, dachte ich mir, wunderbar, okay.

Eine andere Begegnung war Jahre später, auch wieder in der Ausländerbehörde. Als ich mit einem geflüchteten Menschen durch die Tür gekommen bin, kam direkt die Frage in meine Richtung: „Was machen Sie denn?“ Einfach so, was machen Sie denn hier? So herausfordernd. Und ich habe geantwortet, Herr Sowieso, möchte mit Ihnen seine Rückkehr in seine Heimat besprechen. Er glaubt, das ist das Beste für ihn. „Ja, dann soll er gehen.“ kam wie aus der Pistole geschossen.

So individuelle Erfahrungen habe ich schon gemacht, wie mit Menschen umgegangen worden ist. Und ich schätze, dass es hier und da auch heute der Fall ist.

Ich habe noch ein Anliegen: Hier in der Kreisverwaltung Bad Kreuznach ist direkt im Haupteingangsbereich ein Fenster. Dort müssen Asylsuchende und Schutzsuchende ihr Anliegen vortragen, so dass es alle anderen auch hören können. Sie müssen es einfach da am Fenster erzählen, im Stehen. Der Mitarbeiter der Kreisverwaltung steht hinter diesem Fenster und der hilfesuchende Mensch davor. Und wenn er klein geraten ist, muss er sich wirklich ein bisschen anstrengen, um da hoch zu gucken, zu diesem Mitarbeiter. Wie menschenverachtend ist das, dass der schutzsuchende Mensch an diesem Fenster steht und erklären muss und um etwas bitten muss, während der ganze Verkehr in die Kreisverwaltung rein und raus geht, einen oder anderthalb Meter entfernt. Das ist so unwürdig, das ist so menschenverachtend für meine Begriffe. Und ich habe einen Brief an die Kreisverwaltung geschrieben und ich habe auch an die hiesige Zeitung etwas geschrieben mit der Bitte, dass sie sich die Situation mal anschauen. Es kam nichts zurück und es ist auch nicht passiert. Und ich weiß überhaupt nur von der Situation, weil ich selbst mit der Ausländerbehörde was besprechen musste, also setzte ich mich selbst da hin und habe gesehen, wie das vor sich geht und dachte, nein, das kann es nicht sein. Aber so wird es immer noch gehandhabt. Und das ist schon länger jetzt der Fall. Das finde ich sehr enttäuschend. Das ist keine menschenwürdige Behandlung.

Das ist mir auch noch nie aufgefallen, tatsächlich. Das weiß man wirklich erst, wenn man es selbst erlebt hat. Wenn man nur vorbeigeht, reflektiert man das gar nicht.

So ist das. Ja. Genau.

Rassismus

„Das ist auch spannend, wie man die Begriffe wählt, damit die Leute möglichst nicht verstehen, was da passiert.“

Um nochmal deinen Lebenslauf aufzugreifen. Du warst in der Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim ehrenamtlich aktiv. Vielleicht kannst du uns den Rest deiner Engagement-Stationen erzählen.

Genau, Ende der 1980er Jahre habe ich in Ingelheim angefangen und dann 10 Jahre dort beraten. Als dann das Abschiebegefängnis hochgezogen und 2001 eröffnet wurde, habe ich gewusst, da will ich hin. Das war für mich ganz klar. In das Gefängnis kamen Menschen, die Deutschland verlassen sollten, die abgeschoben werden sollten. Da bin ich wieder im Namen von Amnesty hin gegangen. Die frühere Leitung der Aufnahmeeinrichtung hat dann die Leitung vom Gefängnis übernommen. Als das Gefängnis aufgemacht hat, hat man allmählich die Aufnahmeeinrichtung zugemacht und in Speyer etwas neu aufgemacht. Das war der Übergang. Und dann gab es in Ingelheim eine Gewahrsamseinrichtung für Ausreisepflichtige (GFA). Das ist ein Mund voll, oder?

Das hört sich besser an als Abschiebegefängnis. Das ist auch spannend, wie man die Begriffe wählt, damit die Leute möglichst nicht verstehen, was da passiert. Oder dass das so eine schreckliche Geschichte ist. Als Abschiebegefängnis weißt du gleich, da passiert irgendwas Schlimmes, aber Gewahrsamseinrichtung für Ausreisepflichtige ist ja eigentlich okay, oder?

Ja, das hört sich nicht ganz so schlimm an. Da waren wir dann jedenfalls als Ehrenamtliche drin und Rechtsanwälte hatten immer Mittwoch nachmittags Zugang. Aber nur, wenn Gefangene einen Antrag gestellt haben und um ein Gespräch mit einer Beratungsstelle oder einem Anwalt gebeten haben. Diese Anträge habe ich dann gesehen und als erste mit den Antragstellern gesprochen. Wenn nötig haben wir dann einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Und so haben wir das gemacht. Und zu meiner großen Überraschung, ich hatte vorher keine Erfahrungen mit Abschiebehaft, habe ich in den ersten 1-2 Jahren festgestellt, dass in 25 Prozent der Fälle der Haftbeschluss überhaupt nicht in Ordnung war.

Ah, das ist aber ein ziemlich hoher Prozentsatz.

Das würde ich auch sagen, Es wurden dann auch wirklich so viele Menschen entlassen. In den 25 Prozent der Fälle kamen die Menschen dann frei, nachdem ein Rechtsanwalt Einspruch eingelegt hatte.

Das ist eine ganz schöne Willkür, oder?

Ja, das war Wahnsinn. Das war wirklich eine stattliche Zahl, denke ich.

Ja, das war sinnvoll, dass du da drauf geguckt hast.

Ja. Und ich erinnere mich: Unser Beratungsbüro war im Keller von diesem Gefängnis. Und natürlich wurde der Abschiebehäftling mit ein oder zwei Wachleuten gebracht und die wollten mit reinkommen und bei der Beratung dabei sein. Und ich habe gesagt, nein, Entschuldigung, also das Gespräch findet unter vier Augen statt und anders nicht. Ich war von 2001 bis 2014 dort. In den Jahren hat man mir vielleicht vier- oder fünfmal gesagt: „Also Sie alleine zu lassen mit ihm, das können wir nicht verantworten.“ Und das habe ich dann akzeptiert. Das war so wenig in all den Jahren. In einem Fall habe ich vielleicht dann die Tür zum Gang aufgelassen und die Wachleute haben sich draußen im Gang hingesetzt. Das war dann okay. Aber im Grunde genommen war es ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen. Und hier und da habe ich auch dann festgestellt, dass derjenige der hierhergekommen ist keine Chance hat, hier zu bleiben. Das habe ich dann so gut wie ich konnte gesagt, dass es meine Meinung ist, dass er wohl Deutschland verlassen muss. Und das bis 2014.

Motivation

„Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen.“

Du hast diese Arbeit von 2001 bis 2014 gemacht. Das ist schon ein Arbeitsbereich, wo man mit extremen Situationen konfrontiert ist. Die Leute müssen Deutschland verlassen. Und 75 Prozent von den Leuten musstest du das dann wahrscheinlich sagen. Und du machst das über Jahre. Wie schwer war es für dich?

Ich habe in der Zeit festgestellt, meine Güte, das packt mich wirklich und ich versuche wirklich auch immer menschlich zu bleiben und mitfühlend zu bleiben. Aber ich kann nach Hause gehen und schlafen am Abend. Das habe ich mit der Zeit einfach festgestellt, dass das wieder ein Geschenk war. Ich kann es anders nicht nennen. Ich habe das nicht antrainiert. Mit nach Hause genommen habe ich es, ja, aber nicht so sehr, dass es mich dann lahmgelegt hat, weil ich da nicht zur Ruhe kommen konnte. Vielleicht habe ich auch vor lauter Arbeit dann nachts gut schlafen können. Ich weiß es nicht. Aber ich konnte damit leben irgendwie. Ich habe mir nicht bewusst gesagt, jetzt musst du hart bleiben, stark bleiben, was weiß ich. Nein, das ging einfach mit der Zeit. Mit der Zeit.

Das heißt Du hast Dich auch dahin gearbeitet?

Meine ersten Erfahrungen habe ich 1989 gemacht. Ich habe das dann ca. 25 Jahre gemacht. Ich kann nicht sagen, dass ich abgebrüht war, ganz und gar nicht. Ich denke manchmal, Mensch, wäre ich nur 20 Jahre jünger, dann würde ich versuchen an die Öffentlichkeit und an die Menschen hier zu gehen und konkrete Fälle zu schildern, so wie ich sie erlebt habe. Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen. Nicht immer nur Zahlen auf den Tisch klatschen und sagen, wir haben zu viele Fremde oder Flüchtlinge oder Migranten oder was weiß ich. Sondern wirklich das Gespräch mit anderen Menschen über diese Schutzsuchenden suchen, das war für mich sehr wichtig. Das habe ich hier in der Schule, solange ich noch Schuldienst hatte, gemacht. Ich habe Flüchtlinge mit in verschiedene Schulen genommen, weil ich denke, es ist die Begegnung. Die Begegnung muss sein und das kann Türen öffnen oder auch überhaupt ein bisschen das Gehirn lüften, gell? Und Platz machen für solche Sachen. Das war mir auch sehr, sehr wichtig.

Warum hast Du 2014 in Ingelheim aufgehört?

Ich hatte bereits zehn Jahre davor den Schuldienst quittiert, weil es so viel Bedarf gab – hier auf dem Land, in Ingelheim, in dem Gefängnis. Ich dachte, was mache ich noch in der Schule?

Engagement

„2014 und 2015 war dann in Bad Kreuznach so viel los mit Flüchtlingen, dass mir klar war, ich muss mich darauf konzentrieren können.“

Die Härtefallkommission des Landes Rheinland-Pfalz

Seit Juni 2005 ist auf der Grundlage des § 23a Aufenthaltsgesetz eine Härtefallkommission nebst Geschäftsstelle eingerichtet, welche beim Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration (kurz: Integrationsministerium) angesiedelt ist. Die Härtefallkommission ist ein unabhängiges Sachverständigengremium und besteht aus 12 Mitgliedern (aus der Landesregierung, dem Städtetag und Landkreistag, sowie aus Beauftragten der Evangelischen und der Katholischen Kirche, der Liga der Freien Wohlfahrtspflege, der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und des Flüchtlingsrats Rheinland-Pfalz).
Die Kommission prüft im Einzelfall, ob eine vollziehbar ausreisepflichtige Person trotzdem im Bundesgebiet bleiben darf – etwa wegen dringender humanitärer oder persönlicher Gründe. Stellt die Kommission mit Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder fest, dass die Besonderheiten des Einzelfalles für einen weiteren Aufenthalt sprechen, bittet sie das Integrationsministerium in einem sogenannten „Härtefallersuchen“, gegenüber der zuständigen Ausländerbehörde die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis anzuordnen. Entspricht das Ministerium diesem Ersuchen, wird die Ausländerbehörde angewiesen, eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 23a Aufenthaltsgesetz zu erteilen.

Hast du den Dienst früher quittiert, als zur Regel-Rentenzeit?

Ganz genau. Ich bin 2004 mit 60 Jahren ausgestiegen, wohl wissend, dass ich dann weniger Rente habe später. Aber ich dachte, also hier wollen so viele Leute noch mit mir sprechen. „Bitte, Frau Weber, kann ich einen Termin bei Ihnen haben?“ So dass ich 2004 einfach gesagt habe, nein, ich bringe jetzt den Schuldienst zu Ende. Und das war gut so, weil ich gemerkt habe, dass die Schüler im Grunde genommen mit sich beschäftigt waren und da kann auch ein anderer Kollege denen etwas Englisch beibringen. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Energie anders einsetzen musste. Das war dann klar. Obwohl es mich immer wieder freut, wenn ich Schüler wieder sehe. Ich wurde in der Schule immer „Miss Weber“ genannt und wenn in der Stadt oder im Supermarkt oder irgendwo jemand „Hallo Miss Weber“ sagt, denke ich, oh, das muss Schule gewesen sein und freue mich. Und von den Rückmeldungen her denke ich, ich habe so lange, wie ich konnte, meine Sache gut gemacht, aber es war einfach sinnvoll da aufzuhören.

2014 und 2015 war dann in Bad Kreuznach so viel los mit Flüchtlingen, dass mir klar war, ich muss mich darauf konzentrieren können. Ich habe dann in Ingelheim aufgehört, damit ich hier noch mehr machen konnte.

Weil die Flüchtlingszahlen relativ stark gestiegen sind damals?

Ja, genau. Seit 2005 war ich auch nebenbei stellvertretende Amnesty-Mitglied in der Härtefallkommission  hier in Rheinland-Pfalz. Das aktivste Mitglied von Amnesty schlechthin, Heiko Müller aus Neustadt, war das Haupt-Mitglied. Heiko hat keine Sitzung versäumt und ich habe jahrelang von Heiko gehört, wie es in der Härtefallkommission ausschaut. Er ist dann leider aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten und bald darauf gestorben. Ich bin dann 2014 aktives Mitglied in der Härtefallkommission geworden. Ich war dort bis Mitte 2021 tätig. Ich war sehr beschäftigt mit den Sitzungen in Mainz und der Vorbereitung von Fällen, die man da eingebracht hat. Das war alles mit viel Arbeit verbunden.

Du hast auch weiter Asylverfahrensberatung gemacht und Ehrenamtliche beraten und fortgebildet, richtig?

Ja klar, hier im Gebiet. Bis 2020 die Pandemie kam. Die hat natürlich alles abrupt anders gemacht. Man konnte sich nicht mehr so oft treffen, da war schon die ganze Arbeit etwas ausgebremst. Wir hatten hier noch einen Arbeitskreis Asyl, der weiter Beratung gemacht hat. Das war unabhängig von der Amnesty-Asylberatung. Nach der Pandemie ist leider einiges ausgelaufen. Gleichzeitig ist mir in den letzten Jahren bewusst geworden, dass mein Kopf und meine Kräfte nachgelassen haben. Das muss ich einfach anerkennen und akzeptieren. 2022 haben wir uns als Arbeitskreis Asyl zurückgezogen. Ende 2023 hat unsere Amnesty-Gruppe geschlossen. Wir haben die Gruppe geschlossen, weil wir keinen Nachwuchs hatten. Die Arbeitsweise, die wir viele Jahre lang an den Tag gelegt haben, uns regelmäßig zu treffen, Fälle und Projekte zu entwickeln und wirklich Hand anlegen und so. Ja, da wird nicht mehr so gearbeitet, wie wir das gemacht haben und wie wir auch erfolgreich gemacht haben. Die Zeiten haben sich geändert.

Damals und heute

„Niemand möchte mehr so viel Verantwortung übernehmen.“

Warum, denkst du, habt ihr keinen Nachwuchs gefunden? Was denkst du, was sich geändert hat?

Salopp gesagt habe ich das Gefühl, dass die Leute heutzutage sich schon gegen Menschenrechtsverletzungen engagieren möchten, aber mit einem Knopfdruck und nicht mehr mit wirklich viel Zeit und Energie, viel Aufwand. Die Bereitschaft hat sehr arg nachgelassen. Niemand möchte mehr so viel Verantwortung übernehmen. Oder vielleicht gibt es andere Aktivitäten, die da mehr ziehen.

Wir haben uns, ehe wir die Amnesty-Gruppe Ende 2023 geschlossen haben, von der Zeitung interviewen lassen. Wir haben um Unterstützung gebeten und um neue Mitglieder geworben, damit die Arbeit weitergeführt werden kann. Ein oder zwei ältere Menschen haben sich gemeldet, aber die waren selbst schon bei den OMAS GEGEN RECHTS. Junge Leute haben sich nicht für die Arbeit interessiert. Ich denke, der Umgang mit den Themen ist jetzt vielleicht ein anderer. Die Zeiten bleiben nicht so, wie sie waren. Für mich war das so eine reiche, vielfältige Zeit, es war einfach sowas von gut, aber ich merke so läuft es nicht mehr. Die Organisation Amnesty hat sich auch verjüngt und ich muss sagen, dass ich hier und da nicht mitkomme. Ich bin eben von der alten Schule und nicht mehr so flexibel, die Kräfte lassen nach und ich nehme das so hin, wie es eben ist. Aber dieses sich wirklich 100 Prozent einer Sache widmen wollen und viel Zeit aufbringen, das meine ich hat nachgelassen.

Ja, mein Eindruck ist der Gleiche, die Frage ist nur warum.

Ich denke die digitale Welt spielt eine Rolle. Menschen haben immer ein Phone in der Hand. Es ist nicht mehr die Begegnung, sich in die Augen zu schauen und wirklich in die Kommunikation mit anderen zu gehen. Vielleicht ist das ein Teil davon, denn wenn man sich wirklich auf die Begegnung mit einem anderen einlässt und von Angesicht zu Angesicht kommuniziert, da habe ich eher das Gefühl, dass man sich auf den anderen einlässt.

Was hast Du gedacht, als klar war, die Amnesty-Gruppe geht nicht weiter?

Also das ist interessant. Ich war 16 Jahre Amnesty-Gruppensprecherin gewesen. 2015 hat eine gute Freundin von mir übernommen. Sie war dann Gruppensprecherin, bis wir geschlossen haben. Für sie war das sehr hart, weil sie sich in der Verantwortung gesehen hat. Ich habe immer wieder gesagt, dass sie das so nicht sehen kann. Wir haben so viel zusammen nach Nachwuchs gesucht, aber es kam einfach niemand. Sie hat sich dann irgendwann wieder beruhigt, aber für sie war es hart und für mich nicht. Und das hängt wieder mit meinem Alter zusammen. Alles hat seine Zeit. Auch dieses Sich-Aktiv-Engagieren.

Kleiner Abstecher: Ich bin auch jetzt in meinem hohen Alter, ich bin 1944 geboren, nicht ohne Aufgaben und mir ist nicht langweilig. Fast jeden Tag gucke ich um mich herum und sehe Freunde, denen es nicht mehr gut geht. Ich besuche sie und pflege meine Kontakte. Ich pflege jetzt viel mehr Kontakt, weil ich merke, dass wir das brauchen. Weil Menschen, wenn sie älter werden, nicht mehr mit Aufgaben betraut werden. Dann steht man da und fragt sich was mache ich jetzt? Ich halte ganz bewusst einfach mit Menschen gut Kontakt. Ich denke, ich bin eine der wenigen, die die Post noch am Leben hält, weil ich immer wieder zu Geburtstagen und so Grüße verschicke. Ich will, dass der Mensch eine schöne Karte von mir erhält und dass ich einfach eine kleine Freude damit machen kann. Das ist mir jetzt wichtig.

Motivation

„Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer verleiht den Landesverdienstorden in einer Feierstunde am Mittwoch 18. Dezember 2013 im Festsaal der Staatskanzlei in Mainz an Marie Weber (Bad Kreuznach). Foto: Reiner Voß / view – die agentur / Staatskanzlei

Du hast Dich 40 Jahre lang sehr intensiv engagiert hast. Warst du die ganze Zeit motiviert oder hattest du auch mal eine Phase, wo du gedacht hast, jetzt reicht es mir?

Also ich glaube, dass ich wirklich sagen kann, ich war die ganze Zeit motiviert. Der Ausgangspunkt für mich ist, dass ich es die erste Hälfte meines Lebens oder überhaupt im Leben so gut gehabt habe – als Kind, als junger Mensch, als Schülerin, als Studentin, später dann nach Europa kommend. Ich habe es so gut gehabt und habe so viel erlebt, dass ich mir dachte, mein Gott, diese anderen Menschen, die so viele Probleme bekommen, weil sie vielleicht den Mund aufmachen, weil sie am falschen Ort wohnen usw. Mir geht es so gut, dass ich das nicht einfach für mich behaupten kann und froh sein kann, dass es mir gut geht. Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann. Das war der Ausgangspunkt für mich. Ich denke, ich bin immer motiviert geblieben, ich hatte nie einen Tiefpunkt oder so.

Nachdem ich 2004 nach 22 Jahren aus dem Schuldienst in Hargesheim ausgestiegen bin, dachte ich mir, eigentlich würde ich gerne eine kurze Zeit in den USA verbringen wollen und dort noch einmal nach all diesen Jahren Deutsch unterrichten. Ich habe in den USA 1971 bis 1973 Studenten unterrichtet und hatte Lust, das nochmal ein paar Monate zu machen. Ich habe dann eine Stelle im Bundesstaat New York, wo ich sowieso herkomme, bekommen. Im Herbst 2005 habe ich von September bis Dezember ein Semester Deutschkurse gegeben. Das war in der Stadt New Paltz, was übersetzt Neu Pfalz heißt, an der New York State University. Das war eine sehr interessante Erfahrung. Die Studenten, die ich 2005 dort hatte, waren ganz anders als die Studenten, die ich mehr als 30 Jahre davor unterrichtet hatte, eine ganz andere Generation. Ich musste gucken, dass ich auf deren Wellenlänge komme, sie verstehe. Das war gar nicht so einfach für mich, Anfang dieses neuen Jahrhunderts.

Dann wurde mir eine Verlängerung von meinem Vertrag angeboten. Sie wollten mich behalten und ich sollte weiter Deutsch unterrichten. Und ich habe ehrlich gesagt, nein, das kann ich nicht, denn sonst hänge ich mich ab, was meine Flüchtlingsarbeit, was meine Arbeit für Amnesty in Deutschland anbelangt. Und ich konnte mir das nicht vorstellen, dass ich das, was ich bis dahin in Deutschland gemacht habe, was mir so wichtig war, dass ich das noch länger unterbreche. Also bin ich dann nach gut vier Monaten nach Deutschland zurückgekehrt und habe weitergemacht.

Hast du Strategien, wie du dich organisiert hast?

Ich bin selbst schon organisiert. Ich bin ein ordentlicher Mensch. Auch nachdem ich in der Schule aufgehört habe, bin ich immer um halb sieben aufgestanden, um meinen Tag anzufangen. Denn genug zu tun hatte ich und das war einfach dann die Frage, wie teile ich das ein? Also ich bin ziemlich diszipliniert. Ich habe nicht unbedingt eine absolut feste Routine gehabt, aber diszipliniert bin ich. Und wenn ich mir was vorgenommen hatte oder wirklich irgendeine besondere Aufgabe hatte, dann habe ich mich wirklich damit gut beschäftigen können. Bis ich das Gefühl hatte, jawohl, so kannst du es machen.

Und hast du auch Inspirationen aus anderen Sachen gezogen? Aus Büchern oder hast Du Vorbilder?

Jetzt lese ich wieder Bücher, früher bin ich nie dazu gekommen. Das sind dann zum Teil Sachbücher, aber auch Romane, die Freundinnen mir einfach geben. Wir tauschen uns mit Büchern aus und das ist sehr schön. Und ein oder zwei Heldinnen habe ich schon, zum Beispiel Eleanor Roosevelt. Das ist eine Frau, die neben ihrem Mann natürlich etwas unscheinbar erschienen ist. Franklin Delano Roosevelt war schon eine große Persönlichkeit, die auch einen guten Kopf hatte. Aber Eleanor Roosevelt selbst auch. Sie hat vieles aufgegriffen, was ihr wichtig war, auch später im Leben. Sie war z. B. eine treibende Kraft hinter der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Dafür kann ich mich begeistern.

Es gab immer wieder Frauen in meinem Leben, wo ich mir gedacht habe, was sie machen, das ist wirklich gut, das hat Hand und Fuß.

Du hast viel in Gruppen gearbeitet, mit Kolleg*innen. War das wichtig für dich, dass man sich so gegenseitig unterstützt?

Ja, sich unterstützen im Sinne von jeder von uns hat etwas zu bieten und kann etwas einbringen, das finde ich gut. Beratungsgespräche, die habe ich eher im Alleingang gemacht. Aber die eigentliche Arbeit und die Botschaft, dass Schutzsuchende hier Verständnis finden sollen, aufgenommen werden sollen, dass ihnen geholfen werden soll, das ist schon eine Sache, die man mit anderen gemeinsam macht. Ich denke schon, dass wir zusammen stark sind.  

Du hast gesagt, dass Du Energie aus deinem Engagement gezogen hast. Viele haben ja eher Probleme mit Burnout?

Gerade jetzt in den letzten 1-2- Jahren denke ich oft, dass schaffst du nicht mehr oder du bist schon so langsam geworden. Und dann sage ich mir, jetzt in meinem hohen Alter kommt Burnout. Das kann ich jetzt mit Fassung ertragen. Davor hatte ich damit nie Probleme. Ich habe mein Leben lang einen sehr niedrigen Blutdruck gehabt. Erst in den letzten 5-7 Jahren habe ich einen erhöhten Blutdruck bekommen. Ich habe beobachtet, dass mir jetzt im hohen Alter die Sachen länger nachgehen.

Als ich noch täglich so viele Schicksale, so viel Tragisches und so viel Leid mitbekommen habe, da habe ich es immer irgendwie gut verkraftet. Aber jetzt kann es sehr schnell sein, dass ich emotional werde, weil mir etwas so zu Herzen geht. Das ist erst seit 2-3 Jahren so.  Jetzt leide ich z. B. darunter, wenn ich in den Nachrichten oder in der Zeitung von Schicksalen erfahre. Früher in meinem Kampfmodus, da habe ich dann etwas gemacht und war nicht so angreifbar. Ich bin dankbar dafür, dass es mich so lange nicht so angegriffen hat.

Du hast 2013 den Landesverdienstorden bekommen. Was hat Dir das bedeutet?

Ich habe vielleicht erwähnt, dass ich mit Malu Dreyer per Du bin, weil Malu Dreyer auch bei Amnesty war. Wir haben uns bei Bezirksversammlungen in Mainz kennengelernt. Malu war damals noch an der Universität. Von 1995 bis 1997 war sie dann Bürgermeisterin in Bad Kreuznach. Danach war sie auch noch öfter dort. Wir haben uns dann immer gegrüßt und kurz ausgetauscht. Im Jahr 2013 habe ich von ihr meinen Landesverdienstorden bekommen. Die Verleihung hat mir etwas bedeutet. Meine Nichte, Katrin aus Bayern, wollte gleich zur Verleihung kommen. Aber ich wollte das nicht zu hoch hängen. Ich habe drei Freunde von hier zur Preisverleihung eingeladen. Ich fand die Anerkennung schön, auch weil es im Zusammenhang mit Malu war, die ich lange kenne und weil ich ihr in ihrem Amt positiv gegenübergestanden bin.

Bei der Verleihung sagte mir Malu: „Mehr Ehrenamt geht nicht.“ Und ich dachte, ja, mehr Zeit wäre nicht gegangen. Es wäre einfach nicht gegangen. Aber für mich war es gut und stimmig, es hat alles so gepasst.

Hast Du Dich früher wirklich nie gestresst gefühlt? Die Arbeit ist mit vielen Fristen, Terminen und viel Verantwortung verbunden. Es ist kein ruhiges Ehrenamt.

Doch, aber es war für mich positiver Stress. Aufreibend war es schon, aber ich bin selbst auch nicht unbedingt ein ruhiger Typ, ich bin schon sehr aktiv.

Ja, aber irgendwie hast du eine echt solide Grundkonstitution mitgekriegt…

Vielleicht hat meine Mutter gut gekocht und uns gut aufgezogen, mich und meinen Bruder. Wir hatten einen sehr guten Start ins Leben und das ging immer weiter.

Meinst du, es hat auch etwas mit Haltung zu tun? Du hattest von deiner Kollegin erzählt, die eine eher negative Bilanz gezogen hat. Was meinst du, was der Unterschied zwischen euch ist?

Meine Haltung ist schon: Wenn man etwas sieht, dann muss man dranbleiben. Egal, ob das jetzt sehr populär ist, ob das viel Zustimmung erzeugt, wenn etwas im Argen ist, dann muss man dranbleiben. Da war gerade in der Frankfurter Rundschau ein Artikel über den kürzlich verstorbenen Politiker Gerhart Baum. Auf dem Sterbebett sagt er „Engagiert euch!“ Das war sein letzter Gruß an die deutsche Bevölkerung. Und ich finde es so schön.

Welche Rolle hat so Selbstfürsorge für dich gespielt?

Als ich ein paar Monate in den USA unterrichtet habe, das war für mich. Das habe ich gemacht, aber dann war es abgehakt. Einen Tapetenwechsel habe ich manchmal gebraucht. Ich bin über die Jahre viel Auto gefahren, habe für eine Woche meinen Bruder mit Familie in Bayern besucht. Das habe ich schon gemacht, das waren wichtige Kontakte. Und dann bin ich ein paar Mal nach England gefahren, weil ich da eine sehr gute Freundin habe. Das waren ein paar Abstecher.

Aber im Grunde genommen, was wirklich wichtig war, das war einfach die Beschäftigung hier. Und das hat mir so viel gebracht, das war so eine Bereicherung, ich musste nicht irgendwo anders hingehen, um mich dafür zu belohnen, dass ich gearbeitet habe. Es war wirklich eine Bereicherung.

Gegenwart

„Das wünsche ich mir, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass es unsere Welt ist und dass wir nicht nur daran teilhaben sollen, sondern dass wir Verantwortung dafür tragen.“

Wenn du morgen früh aufwachen würdest und plötzlich 27 Jahre alt wärst, was würdest du machen?

Ich würde dann wieder Seminare besuchen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen was Asylrecht anbelangt, die ganze Gesetzgebung, damit ich gewappnet bin und dann wieder einsteigen könnte.

Was würdest du Menschen raten, die sich heute in der Flüchtlingsarbeit oder in der Arbeit gegen Rechts anfangen zu engagieren?

Man muss selbst wissen, ob man eher praktisch oder theoretisch veranlagt ist. Ich bin sehr praktisch veranlagt, deswegen musste ich Hand anlegen. Ich wollte mich nicht nur ein bisschen informieren, sondern ich musste es wirklich umsetzen, so gut wie ich konnte.

Ich denke, wenn man sich für dieses weit verbreitete Rassismus-Thema interessiert, da muss man sich gut hineinlesen und dann muss man sich auch einfach mit den Menschen und wie sie denken beschäftigen. Wie kommt er dazu, zu glauben, dass er besser ist als ein anderer? Womit hängt das zusammen? Ist das Erziehungssache? Machen wir nicht genug an den Schulen?

Was Flüchtlingsarbeit angeht, geht es meiner Meinung nach immer nur um Begegnung. Ich würde mir von Anfang an die Möglichkeit suchen, einzelne Flüchtlinge kennenzulernen. Vielleicht zufällig, dass man irgendwie auf der Straße ins Gespräch kommt, in einer Kirche, bei irgendeiner Veranstaltung oder sportlichen Aktivität. Man sollte sich umsehen und versuchen, im konkreten kleinen Fall auf Menschen zuzugehen, auf Einzelne und ein bisschen von sich mitzuteilen und sich auch, so gut man eben kann, da hineinzudenken, wie das Gegenüber das Leben hier lebt und empfindet. Begegnung ist für mich das Ein und Alles. Und wenn man das Gefühl hat, dass es einem gelingt, einen anderen Einzelnen zu verstehen und wenn man durch diesen Einzelnen dann ein paar andere Menschen kennenlernt, dann ist das für mich eine solide Basis, mit den Menschen umzugehen und zu gucken, ob sie eventuell doch ein bisschen Unterstützung haben möchten. Man möchte nichts aufzwingen. Und ich selbst habe dann die Bereicherung, die ich dadurch erlebt habe, versucht, meiner Familie, meinem Freundeskreis und meiner Umgebung zu vermitteln.

Was war dein schönstes oder erinnerungswürdigstes Erlebnis in der Flüchtlingsarbeit?

Das schönste Erlebnis? Es gibt so viele positive Erlebnisse.

Als ich hier in der Region mit der Flüchtlingsarbeit angefangen habe, habe ich mich ein bisschen auf die Gruppe der Oromos aus Äthiopien eingeschossen. Übrigens ist der Präsident von Äthiopien auch Oromo. Das hilft aber nicht unbedingt, er hat seiner eigenen Gruppierung den Rücken gekehrt. Jedenfalls wurde ich dann hier und dort eingeladen, um über die Oromos zu berichten. Ich war dann in Frankfurt zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und da haben die Oromos selbst Tänze aufgeführt. Und das war eine gelungene Sache. Das fand ich wirklich schön. Und auch die Oromos selbst hatten ihre große Freude daran, denke ich. Aber leider sind nicht alle in der Lage, ihre dramatischen Erlebnisse ein bisschen in den Hintergrund zu drängen. Also auch da gibt es noch ein oder zwei Personen aus der Zeit, die einfach immer noch sehr gezeichnet sind.

Du hattest mir gesagt, dass du das Ghandi-Zitat: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“ gut findest.

Yes, absolutely! Man kann sich nicht zurücklehnen, irgendwas beurteilen und schimpfen, wenn man selbst nicht mit allen Kräften versucht, da dran zu arbeiten und etwas zu verbessern.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich denke mir, es sind die Menschen, die Zukunft gestalten. Und ich meine nicht solche Idioten wie gerade im Weißen Haus, sondern ich meine die Menschen in den Ländern. Also die müssen eigentlich nicht nur teilhaben an der Zukunft, die müssen Zukunft gestalten. Und das heißt, sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass man selbst etwas einbringen kann – das hat auch Gerhart Baum angesprochen. Man muss wach sein und wach bleiben, was die Möglichkeiten anbelangt. Es liegt an uns.

Das wünsche ich mir, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass es unsere Welt ist und dass wir nicht nur daran teilhaben sollen, sondern dass wir Verantwortung dafür tragen. So habe ich es auch bei dem, was ich gemacht habe, schon gesehen. Wenn ich z. B.  zur Behörde gegangen bin, habe ich mir überlegt, wie ich mich präsentiere, denn ich wollte etwas für andere erreichen. Also muss das in einer Form sein, die für mein Gegenüber akzeptabel ist. Als ich 2014 in Ingelheim aufgehört habe, bin ich zur Leitung vom Gefängnis gegangen und habe mich verabschiedet, nicht aus der Arbeit, sagte ich, aber eben aus Ingelheim, weil ich in meinem Landkreis weitermachen wollte. Und da hat der Leiter tatsächlich gesagt, er müsse schon sagen, wir haben oft diskutiert, waren oft verschiedener Meinung, aber ich wäre immer fair und ausgewogen geblieben in dem, was ich gesagt habe. Da dachte ich mir, wow, wunderbar, wenn das der Fall ist. Das hat mir wirklich gut gefallen, dass ich so rübergekommen bin.