Motivation

„Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen.“
– Marie

Du hast diese Arbeit von 2001 bis 2014 gemacht. Das ist schon ein Arbeitsbereich, wo man mit extremen Situationen konfrontiert ist. Die Leute müssen Deutschland verlassen. Und 75 Prozent von den Leuten musstest du das dann wahrscheinlich sagen. Und du machst das über Jahre. Wie schwer war es für dich?

Ich habe in der Zeit festgestellt, meine Güte, das packt mich wirklich und ich versuche wirklich auch immer menschlich zu bleiben und mitfühlend zu bleiben. Aber ich kann nach Hause gehen und schlafen am Abend. Das habe ich mit der Zeit einfach festgestellt, dass das wieder ein Geschenk war. Ich kann es anders nicht nennen. Ich habe das nicht antrainiert. Mit nach Hause genommen habe ich es, ja, aber nicht so sehr, dass es mich dann lahmgelegt hat, weil ich da nicht zur Ruhe kommen konnte. Vielleicht habe ich auch vor lauter Arbeit dann nachts gut schlafen können. Ich weiß es nicht. Aber ich konnte damit leben irgendwie. Ich habe mir nicht bewusst gesagt, jetzt musst du hart bleiben, stark bleiben, was weiß ich. Nein, das ging einfach mit der Zeit. Mit der Zeit.

Das heißt Du hast Dich auch dahin gearbeitet?

Meine ersten Erfahrungen habe ich 1989 gemacht. Ich habe das dann ca. 25 Jahre gemacht. Ich kann nicht sagen, dass ich abgebrüht war, ganz und gar nicht. Ich denke manchmal, Mensch, wäre ich nur 20 Jahre jünger, dann würde ich versuchen an die Öffentlichkeit und an die Menschen hier zu gehen und konkrete Fälle zu schildern, so wie ich sie erlebt habe. Ich denke man muss wirklich konfrontiert werden mit einzelnen Menschen. Nicht immer nur Zahlen auf den Tisch klatschen und sagen, wir haben zu viele Fremde oder Flüchtlinge oder Migranten oder was weiß ich. Sondern wirklich das Gespräch mit anderen Menschen über diese Schutzsuchenden suchen, das war für mich sehr wichtig. Das habe ich hier in der Schule, solange ich noch Schuldienst hatte, gemacht. Ich habe Flüchtlinge mit in verschiedene Schulen genommen, weil ich denke, es ist die Begegnung. Die Begegnung muss sein und das kann Türen öffnen oder auch überhaupt ein bisschen das Gehirn lüften, gell? Und Platz machen für solche Sachen. Das war mir auch sehr, sehr wichtig.

Warum hast Du 2014 in Ingelheim aufgehört?

Marie: Ich hatte bereits zehn Jahre davor den Schuldienst quittiert, weil es so viel Bedarf gab – hier auf dem Land, in Ingelheim, in dem Gefängnis. Ich dachte, was mache ich noch in der Schule?

„Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann.“
– Marie

Du hast Dich 40 Jahre lang sehr intensiv engagiert hast. Warst du die ganze Zeit motiviert oder hattest du auch mal eine Phase, wo du gedacht hast, jetzt reicht es mir?

Also ich glaube, dass ich wirklich sagen kann, ich war die ganze Zeit motiviert. Der Ausgangspunkt für mich ist, dass ich es die erste Hälfte meines Lebens oder überhaupt im Leben so gut gehabt habe – als Kind, als junger Mensch, als Schülerin, als Studentin, später dann nach Europa kommend. Ich habe es so gut gehabt und habe so viel erlebt, dass ich mir dachte, mein Gott, diese anderen Menschen, die so viele Probleme bekommen, weil sie vielleicht den Mund aufmachen, weil sie am falschen Ort wohnen usw. Mir geht es so gut, dass ich das nicht einfach für mich behaupten kann und froh sein kann, dass es mir gut geht. Ich muss gucken, wie ich anderen beistehen kann. Das war der Ausgangspunkt für mich. Ich denke, ich bin immer motiviert geblieben, ich hatte nie einen Tiefpunkt oder so.

Nachdem ich 2004 nach 22 Jahren aus dem Schuldienst in Hargesheim ausgestiegen bin, dachte ich mir, eigentlich würde ich gerne eine kurze Zeit in den USA verbringen wollen und dort noch einmal nach all diesen Jahren Deutsch unterrichten. Ich habe in den USA 1971 bis 1973 Studenten unterrichtet und hatte Lust, das nochmal ein paar Monate zu machen. Ich habe dann eine Stelle im Bundesstaat New York, wo ich sowieso herkomme, bekommen. Im Herbst 2005 habe ich von September bis Dezember ein Semester Deutschkurse gegeben. Das war in der Stadt New Paltz, was übersetzt Neu Pfalz heißt, an der New York State University. Das war eine sehr interessante Erfahrung. Die Studenten, die ich 2005 dort hatte, waren ganz anders als die Studenten, die ich mehr als 30 Jahre davor unterrichtet hatte, eine ganz andere Generation. Ich musste gucken, dass ich auf deren Wellenlänge komme, sie verstehe. Das war gar nicht so einfach für mich, Anfang dieses neuen Jahrhunderts.

Dann wurde mir eine Verlängerung von meinem Vertrag angeboten. Sie wollten mich behalten und ich sollte weiter Deutsch unterrichten. Und ich habe ehrlich gesagt, nein, das kann ich nicht, denn sonst hänge ich mich ab, was meine Flüchtlingsarbeit, was meine Arbeit für Amnesty in Deutschland anbelangt. Und ich konnte mir das nicht vorstellen, dass ich das, was ich bis dahin in Deutschland gemacht habe, was mir so wichtig war, dass ich das noch länger unterbreche. Also bin ich dann nach gut vier Monaten nach Deutschland zurückgekehrt und habe weitergemacht.

Hast du Strategien, wie du dich organisiert hast?

Marie: Ich bin selbst schon organisiert. Ich bin ein ordentlicher Mensch. Auch nachdem ich in der Schule aufgehört habe, bin ich immer um halb sieben aufgestanden, um meinen Tag anzufangen. Denn genug zu tun hatte ich und das war einfach dann die Frage, wie teile ich das ein? Also ich bin ziemlich diszipliniert. Ich habe nicht unbedingt eine absolut feste Routine gehabt, aber diszipliniert bin ich. Und wenn ich mir was vorgenommen hatte oder wirklich irgendeine besondere Aufgabe hatte, dann habe ich mich wirklich damit gut beschäftigen können. Bis ich das Gefühl hatte, jawohl, so kannst du es machen.

Und hast du auch Inspirationen aus anderen Sachen gezogen? Aus Büchern oder hast Du Vorbilder?

Jetzt lese ich wieder Bücher, früher bin ich nie dazu gekommen. Das sind dann zum Teil Sachbücher, aber auch Romane, die Freundinnen mir einfach geben. Wir tauschen uns mit Büchern aus und das ist sehr schön. Und ein oder zwei Heldinnen habe ich schon, zum Beispiel Eleanor Roosevelt. Das ist eine Frau, die neben ihrem Mann natürlich etwas unscheinbar erschienen ist. Franklin Delano Roosevelt war schon eine große Persönlichkeit, die auch einen guten Kopf hatte. Aber Eleanor Roosevelt selbst auch. Sie hat vieles aufgegriffen, was ihr wichtig war, auch später im Leben. Sie war z. B. eine treibende Kraft hinter der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Dafür kann ich mich begeistern.

Es gab immer wieder Frauen in meinem Leben, wo ich mir gedacht habe, was sie machen, das ist wirklich gut, das hat Hand und Fuß.

Du hast viel in Gruppen gearbeitet, mit Kolleg*innen. War das wichtig für dich, dass man sich so gegenseitig unterstützt?

Ja, sich unterstützen im Sinne von jeder von uns hat etwas zu bieten und kann etwas einbringen, das finde ich gut. Beratungsgespräche, die habe ich eher im Alleingang gemacht. Aber die eigentliche Arbeit und die Botschaft, dass Schutzsuchende hier Verständnis finden sollen, aufgenommen werden sollen, dass ihnen geholfen werden soll, das ist schon eine Sache, die man mit anderen gemeinsam macht. Ich denke schon, dass wir zusammen stark sind.  

Du hast gesagt, dass Du Energie aus deinem Engagement gezogen hast. Viele haben ja eher Probleme mit Burnout?

Gerade jetzt in den letzten 1-2- Jahren denke ich oft, dass schaffst du nicht mehr oder du bist schon so langsam geworden. Und dann sage ich mir, jetzt in meinem hohen Alter kommt Burnout. Das kann ich jetzt mit Fassung ertragen. Davor hatte ich damit nie Probleme. Ich habe mein Leben lang einen sehr niedrigen Blutdruck gehabt. Erst in den letzten 5-7 Jahren habe ich einen erhöhten Blutdruck bekommen. Ich habe beobachtet, dass mir jetzt im hohen Alter die Sachen länger nachgehen.

Als ich noch täglich so viele Schicksale, so viel Tragisches und so viel Leid mitbekommen habe, da habe ich es immer irgendwie gut verkraftet. Aber jetzt kann es sehr schnell sein, dass ich emotional werde, weil mir etwas so zu Herzen geht. Das ist erst seit 2-3 Jahren so.  Jetzt leide ich z. B. darunter, wenn ich in den Nachrichten oder in der Zeitung von Schicksalen erfahre. Früher in meinem Kampfmodus, da habe ich dann etwas gemacht und war nicht so angreifbar. Ich bin dankbar dafür, dass es mich so lange nicht so angegriffen hat.

Du hast 2013 den Landesverdienstorden bekommen. Was hat Dir das bedeutet?

Ich habe vielleicht erwähnt, dass ich mit Malu Dreyer per Du bin, weil Malu Dreyer auch bei Amnesty war. Wir haben uns bei Bezirksversammlungen in Mainz kennengelernt. Malu war damals noch an der Universität. Von 1995 bis 1997 war sie dann Bürgermeisterin in Bad Kreuznach. Danach war sie auch noch öfter dort. Wir haben uns dann immer gegrüßt und kurz ausgetauscht. Im Jahr 2013 habe ich von ihr meinen Landesverdienstorden bekommen. Die Verleihung hat mir etwas bedeutet. Meine Nichte, Katrin aus Bayern, wollte gleich zur Verleihung kommen. Aber ich wollte das nicht zu hoch hängen. Ich habe drei Freunde von hier zur Preisverleihung eingeladen. Ich fand die Anerkennung schön, auch weil es im Zusammenhang mit Malu war, die ich lange kenne und weil ich ihr in ihrem Amt positiv gegenübergestanden bin.

Bei der Verleihung sagte mir Malu: „Mehr Ehrenamt geht nicht.“ Und ich dachte, ja, mehr Zeit wäre nicht gegangen. Es wäre einfach nicht gegangen. Aber für mich war es gut und stimmig, es hat alles so gepasst.

Hast Du Dich früher wirklich nie gestresst gefühlt? Die Arbeit ist mit vielen Fristen, Terminen und viel Verantwortung verbunden. Es ist kein ruhiges Ehrenamt.

Doch, aber es war für mich positiver Stress. Aufreibend war es schon, aber ich bin selbst auch nicht unbedingt ein ruhiger Typ, ich bin schon sehr aktiv.

Ja, aber irgendwie hast du eine echt solide Grundkonstitution mitgekriegt…

Vielleicht hat meine Mutter gut gekocht und uns gut aufgezogen, mich und meinen Bruder. Wir hatten einen sehr guten Start ins Leben und das ging immer weiter.

Meinst du, es hat auch etwas mit Haltung zu tun? Du hattest von deiner Kollegin erzählt, die eine eher negative Bilanz gezogen hat. Was meinst du, was der Unterschied zwischen euch ist?

Meine Haltung ist schon: Wenn man etwas sieht, dann muss man dranbleiben. Egal, ob das jetzt sehr populär ist, ob das viel Zustimmung erzeugt, wenn etwas im Argen ist, dann muss man dranbleiben. Da war gerade in der Frankfurter Rundschau ein Artikel über den kürzlich verstorbenen Politiker Gerhart Baum. Auf dem Sterbebett sagt er „Engagiert euch!“ Das war sein letzter Gruß an die deutsche Bevölkerung. Und ich finde es so schön.

Welche Rolle hat so Selbstfürsorge für dich gespielt?

Als ich ein paar Monate in den USA unterrichtet habe, das war für mich. Das habe ich gemacht, aber dann war es abgehakt. Einen Tapetenwechsel habe ich manchmal gebraucht. Ich bin über die Jahre viel Auto gefahren, habe für eine Woche meinen Bruder mit Familie in Bayern besucht. Das habe ich schon gemacht, das waren wichtige Kontakte. Und dann bin ich ein paar Mal nach England gefahren, weil ich da eine sehr gute Freundin habe. Das waren ein paar Abstecher.

Aber im Grunde genommen, was wirklich wichtig war, das war einfach die Beschäftigung hier. Und das hat mir so viel gebracht, das war so eine Bereicherung, ich musste nicht irgendwo anders hingehen, um mich dafür zu belohnen, dass ich gearbeitet habe. Es war wirklich eine Bereicherung.

„Es ist eine politische, keine juristische Frage: Gab es Nazi-Gewalt in Rheinland-Pfalz“
– Sebastian

Lass uns über Motivation reden. Was hat dich anfangs motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Ich war früher eher in anderen Politikfeldern engagiert und rutschte durch Erfahrungen mit jugendlichen Rechten in meinem Alter ins Engagement gegen Rechts. Das war der Ausgangspunkt. Als junger Jugendlicher interessierte ich mich eher für Umweltthemen. Anti-Castor, Anti-Atom war damals ein Riesenthema.

Also auch reine Notwendigkeit?

Ja, ich hätte dem Thema gegen Rechts auch aus dem Weg gehen können, aber ich wurde damit konfrontiert und habe mich dann gefragt, was ist denn hier los?

Bist du heute noch aktiv gegen Rechts und wenn ja, wie?

Ja, ich bin auch heute aktiv. Früher ging ich zu Demos und nahm teil, heute organisiere ich sie mit. Außerdem engagiere ich mich in einer Initiative zur Gewalt Anfang der 90er. In Rheinland-Pfalz, besonders im Norden, gab es 1990 und 1992 mehrere Morde, die bis heute nicht aufgearbeitet sind. Es gibt mittlerweile Gedenkplatten vor Ort, die an die Menschen erinnern die von Nazis umgebracht wurden, aber die Bundesregierung erkennt die Fälle nicht an, weil Rheinland-Pfalz als letztes Bundesland keine Todesopfer rechter Gewalt anerkennt. Wir setzen uns als Initiative dafür ein, das sich das ändert und auch Rheinland-Pfalz Opfer rechter Gewalt anerkennt und beim Namen nennt. Seit 2011 machen wir jährlich Veranstaltungen, haben auch für dieses Jahr wieder etwas geplant. Über die Jahre gelang es, das Thema zu platzieren. Es gibt jetzt Berichterstattung, anfangs war das nicht so. Da engagiere ich mich ehrenamtlich stark.

Da hätte ich noch eine Verständnisfrage: Rheinland-Pfalz hat überhaupt gar keinen Todesfall gemeldet.

Richtig, als einziges deutsches Bundesland. Drei Todesfälle bekannt und mit Urteil bestätigt. Dann gibt es Verdachtsfälle wie etwa in Kandel und weitere. Und einige, die nur die Polizei kennt. Ich sah in einer Statistik, bei wie vielen Fällen die Polizei von einem möglichem rechten Hintergrund ausgeht. Diese Zahl ist größer als das, was Initiativen und Zivilgesellschaft vermuten. Es gibt also Fälle, die Initiativen nicht kennen. Üblicherweise werden Fälle mit Gerichtsurteil gezählt – das sind drei aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz.

Ihr hattet zu diesem Thema einen Brief an Malu Dreyer geschrieben. Gab es da eine Reaktion? Bild?

Keine Reaktion. Wir erfuhren nachträglich, dass auf offene Briefe grundsätzlich nie reagiert wird. Nach ausbleibendem Echo hakten wir nach – in Rheinland-Pfalz wird auf offene Briefe nicht reagiert. Überraschend antwortete dann doch der damalige Innenminister Roger Lewentz, traf sich mit uns. Das Gespräch war gar nicht schlecht, blöderweise war er kurz danach nicht mehr im Amt. Zur Landtagswahl 2026 wollen wir das Thema wieder in die Öffentlichkeit bringen.

Eigentlich wäre es mit der Anerkennung der drei Fälle einfach – die Gerichtsurteile geben das aus unserer Lesart her, aber die Behörden stellen sich quer. Vielleicht geht es darum, keine Fehler zuzugeben. Wir argumentieren anders: Es geht nicht darum, ob beim Statistikführen Fehler gemacht wurden. Es ist eine politische, keine juristische Frage: Gab es Nazi-Gewalt in Rheinland-Pfalz? Wurden in den 1990ern Menschen durch rechte Gewalt ermordet?

„Ich finde es wichtig, das eigene Umfeld und die Gesellschaft zu gestalten.“
– Sebastian

Was in deiner Biografie, denkst du, hat dein fortlaufendes Engagement gegen Rechts begünstigt? Diese erste Notwendigkeit war ja klar, damit hat es angefangen, aber warum bist du dabei geblieben?

Eine Frage, die eigentlich nie gestellt wird – warum sich Menschen engagieren. Der Schwerpunkt hat sich bei mir während des Engagements gegen Rechts schon verschoben. Ich finde es wichtig, das eigene Umfeld und die Gesellschaft zu gestalten. Deswegen bin ich vom Thema Nazis irgendwann zu den sozialen Themen gekommen.

„Das wünsche ich mir, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass es unsere Welt ist und dass wir nicht nur daran teilhaben sollen, sondern dass wir Verantwortung dafür tragen.“
– Anton

Was hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Ich glaube schon dieses Bewusstsein, das man Anfang der 90er hatte, dass alles immer schlimmer wird und es ist ja auch unglaublich viel Negatives passiert in der Zeit. Einerseits die ganzen Anschläge, Pogrome und so weiter und dann auf der politischen Ebene eben auch diese faktische Abschaffung des Asylrechts damals. Die ganze politische Entwicklung war sehr, sehr reaktionär. Die bürgerliche Politik hat diese rechten Entwicklungen entweder vollkommen geleugnet oder mit ihren Aussagen stark befeuert. Es gab Anfang der 90er z. B. CSU-Politiker, die vor der „durchrassten“ Gesellschaft gewarnt haben. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das würde einen Riesenskandal geben. Heute gibt es zwar öfter eine Abgrenzung nach rechts von bürgerlichen Politikern, zumindest in Worten. Wobei sie die rechte Politik oft trotzdem umsetzen. Aber diese Abgrenzung war früher, nach meinem Gefühl, nicht so stark. Klar, es gab verrückte Neonazis, mit denen hatte man natürlich nichts zu tun, aber man verwendete zum Teil dasselbe Vokabular.

Ich habe mich dann jetzt gerade gefragt, auch um die Subkultur zu würdigen, was waren damals deine drei liebsten (Punk-) Band? Ich finde, für sowas muss auch mal Zeit sein. Wenn der Punk schon so viel für den Antifaschismus getan hat, dann muss man ihn auch mal wertschätzen.

Anton: Also die Band, über die ich zu Punk und auch zur Antifa oder überhaupt zu einem linken Bewusstsein kam, war Slime. Die waren sehr, sehr wichtig und ich glaube, die waren für sehr, sehr viele sehr wichtig, weil es wahrscheinlich die wichtigste deutsche Polit-Punk-Band war. Und dann kam …BUT ALIVE, die fand ich von den Texten deutlich reflektierter. Als von denen die erste Platte rauskam, bin ich eine Zeit lang nur rumgerannt und habe immer diese Texte zitiert, wenn ich mich mit jemandem unterhalten habe, die konnte man immer so gut verwenden. Eine dritte Band, die aber eigentlich gar nicht so politisch ist, die wir aber ganz häufig gesehen und auch mit ihnen Konzerte veranstaltet haben, sind Steakknife aus dem Saarland. Dadurch, dass sie relativ nah wohnten, haben die öfter in der Gegend gespielt.

„Aber grundsätzlich diese Einstellung ist schon noch da, da hat sich schon etwas erhalten aus der Zeit.“
– Anton

Was hat dich motiviert, dich gegen Rechts zu engagieren?

Was meinst du, was in deiner Biografie dich dazu bewogen hat oder das begünstigt hat, dass du dich gegen Rechts engagierst? Weil du hättest das ja genauso gut lassen können.

Das kann ich gar nicht so abschließend sagen. Ich hab mich schon immer dafür interessiert, was in der Welt vor sich geht. Ich denke der Freundeskreis damals hat eine große Rolle gespielt, mit dem gemeinsam habe ich mich dann auch engagiert. Ich bin nicht alleine zur Antifa gegangen, sondern mit meinen Freunden. Ich denke mein Freundeskreis wird der wichtigste Grund gewesen sein.

Machen deine Freunde von damals heute auch noch politische Arbeit?

Also wenn ich mir die Antifa-Gruppe von damals angucke, sind die wenigsten noch direkt politisch aktiv. Es gibt noch Leute, die was machen und diese Einstellung ist schon noch da. Ich habe aber nicht mehr so viel Kontakt, weil wir in alle Richtungen dann irgendwie ziemlich schnell weg sind. Es gibt Leute, die schicken mir hin und wieder ein Video von irgendeinem Punksong. Die Einstellung ist schon noch da, aber die meisten sind nicht mehr organisiert. Direkt nach der Schule waren etwa die Hälfte der Leute in ihren neuen Städten erst mal noch weiter aktiv. Mit der Zeit lässt das natürlich nach, wenn dann Familie kommt und Lohnarbeit und einem dann immer mehr die Zeit dafür fehlt. Aber grundsätzlich diese Einstellung ist schon noch da, da hat sich schon etwas erhalten aus der Zeit.